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Den Feind kennen

III. Die Unfallversicherung

Wo Arbeitgeber ihre Mitarbeiter rentabel zur Anwendung bringen, kommt es so massenhaft zu Unfällen, dass das einen zusätzlichen Zweig der Sozialversicherungen hervorgebracht hat. Mit der gesetzlichen Unfallversicherung sorgt der soziale Staat auch für solche Situationen eines Lebens in abhängiger Beschäftigung vor, in denen Arbeitnehmern durch Schädigung von Physis oder Psyche ihr Arbeitsvermögen beschädigt oder sogar ganz zerstört wird – und macht diese bedauerlichen Zwischenfälle nicht nur für die Geschädigten handhabbar.

1. Die Arbeitskraft als gefährdetes Eigentum

So sehr der soziale Staat sich damit einverstanden erklärt, dass Arbeitgeber nach ihren Kriterien über die Anwendung des Arbeitsvermögens der Arbeitnehmer gebieten, was und wie also gearbeitet wird, so sehr besteht er als Rechtsstaat darauf, dass dieses Arbeitsvermögen – in seinem ganzen unselbstständigen Charakter – letzteren exklusiv gehört und vor Übergriffen geschützt werden muss. In diesem Sinne sieht er sich zu einem Eingriff in das freie Vertragsverhältnis herausgefordert, als das er die Lohnarbeit fasst: Er geht davon aus, dass es in dem ungleichen Verhältnis zwischen weisungsbefugten Unternehmern und un­­selbstständigen Arbeitskräften durch Unfälle und Überbeanspruchungen zu bleibenden Schäden am Arbeitsvermögen der Beschäftigten kommt. Er erlässt Schutz- und Aufsichtsvorschriften – und rechnet weiterhin fest mit gesundheitlichen Schäden, die nunmehr im Rahmen der anerkannten Usancen der Berufsausübung in der jeweiligen Branche liegen. Wenn sie eindeutig auf die unter der Kommandomacht des Unternehmers stattfindenden Verrichtungen zurückzuführen sind – was mittels arbeitsmedizinischer Expertise von den gewöhnlichen Belastungen und Gesundheitsrisiken einer zivilisatorisch-fortschrittlichen Um­­welt sorgfältig zu unterscheiden ist –, handelt es sich um ‚Berufskrankheiten‘ und ‚Arbeitsunfälle‘, womit zum Leidwesen der Unternehmer eine zivilrechtliche Haftungsfrage in der Welt ist. Irgendwer muss schließlich für die Behandlungs- und Therapiekosten aufkommen; schlimmer noch: Dem Arbeitnehmer steht Schadensersatz zu.

2. Eine Sozialversicherung für die Klasse der Unternehmer

Dass Vater Staat die finanzielle Glattstellung dieser Schadensfälle in Form einer Sozialversicherung für Arbeitnehmer abwickelt, ist allerdings eindeutig eine Hilfe für die Seite der Unternehmer. Die melden ihre Belegschaften bei der Unfallversicherung an, auf die der Staat kraft Gesetzes die zivilrechtlichen Schadensersatzansprüche der Beschäftigten gegen ihre Dienstherren aus dem Arbeitsvertrag ‚überleitet‘, sofern die nicht grob fahrlässig gegen Vorschriften zur Un­­fallprävention verstoßen haben. Sie kommt an deren Stelle für Behandlungskosten und Entschädigung – zeitweilig mit ‚Verletztengeld‘, mit einer ‚Verletztenrente‘ bzw. einer Abfindung bei nicht mehr zu heilenden Schäden – auf, deren Höhe sich nach der geldwerten Einschätzung des geschädigten Gutes richtet: Die zu berechnende ‚Minderung der Erwerbsfähigkeit‘ würdigt die disparatesten Schäden an der Physis als prozentualen Abzug am Arbeitsvermögen und wird mit dem mit der zerstörten Revenuequelle einstmals erzielten Einkommen multipliziert. Der im Ergebnis als Geldsumme bilanzierte Schaden am Eigentum des Arbeitnehmers wird ihm auf Heller und Pfennig ersetzt.

Die Unternehmer sind damit von einem unkalkulierbaren Risiko befreit; und die Geschädigten haben sich mit ihrer Versicherung als Anspruchsgegner darüber auseinanderzusetzen, ob es sich wirklich um eindeutige Fälle handelt, für die sie tatsächlich aufkommen muss. Als Versicherung macht sie dabei ihrerseits den Standpunkt geltend, dass ihre Leistungen kostenintensive Ausgaben darstellen, die nicht überborden dürfen, weshalb diese Auseinandersetzung nicht immer im Sinne der Betroffenen ausgeht.

Dass die dafür aufzubringenden Versicherungsbeiträge, die sich nach der Lohnsumme des Versicherten und der veranschlagten Unfallgefahr des jeweiligen Gewerbezweiges richten, im Falle dieser Sozialversicherung ausnahmsweise nicht ‚paritätisch‘, sondern alleine vom Arbeitgeber zu bezahlen sind, ist nur gerecht: Mit seiner sozialen Einrichtung lässt der Staat seine Unternehmerschaft billig davonkommen, indem die Unfallversicherung das außerordentliche finanzielle Risiko, das er mit den Haftungsfragen bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten in die Welt gesetzt hat, für sie in einen ordentlichen, also zuverlässig kalkulierbaren Kostenbestandteil der Arbeit überführt. Dieser Kostenbestandteil unterscheidet sich darin, dass die lohnenden Erträge dieser Arbeit ihn zu rechtfertigen haben, im übrigen dann auch nicht von den sonstigen Bestandteilen der Lohn‑ und ihrer ‑nebenkosten, die, wie auch immer sie rechtlich veranschlagt werden, doch letztlich allesamt vom Arbeitgeber ausgelegt werden.