Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

aktuelles Thema:

Fortschritte in der Konkurrenz der Kapitalisten:

Die Digitalisierung des Kapitalkreislaufs

 

nächstes Thema: (am 02.02.)

Trump zu Iran (s. Texte)

Die nächsten Termine:

- 26.01.

- 02.02.

- 09.02.

- 16.02.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Feind kennen

III. Der Kapitalvorschuss und seine Rendite

Die führenden IT-Unternehmen und ihre Nachahmer machen viel Eindruck – nicht nur auf professionelle Geldanleger – mit dem enormen Börsenwert, den sie, und durch die enorm kurzen Fristen, in denen sie den erreicht haben: von der Garage zum Weltkonzern in wenigen Jahren. Folgt man ihrem Selbstbild und dem verbreiteten Image des „Silicon Valley“, dann braucht es für diese Karriere eigentlich nur zwei Dinge: einen Haufen hochmotivierter Intelligenzbestien – „die besten Köpfe“ –, die sich in entspannter Atmosphäre und in herrschaftsfreiem Dialog über den „natürlichen Reichtum“ der modernen Welt, den Rohstoff „Daten“, hermachen, sich dazu schlaue Verwendungsweisen einfallen lassen und zu denen die passenden Programmzeilen für die effektivsten Computer der Welt aufschreiben; außerdem aufgeschlossene Mäzene, die mit dem Einsatz von „Wagniskapital“ im Handumdrehen aus jungen „Startups“ „Einhörner“ mit mindestens 1 Milliarde US-Dollar Börsenwert machen. Wer am schnellsten am meisten Geld bringt, beweist damit, dass er der Beste ist. Die Besten der Besten fühlen sich berufen und auserwählt, aus der Welt „a better place“ zu machen, indem sie die Weltbevölkerung immer weiter „vernetzen“ und damit die dafür nötigen Mittel verdienen.

Die ganze Geschichte ist das nicht.

1. Staatliche Vorleistungen: Schutz des geistigen Eigentums und eine Menge Infrastruktur

Was in der Erzählung fehlt, das sind – unter anderem – die ebenfalls enormen Vorleistungen imperialistischer Staatsgewalten, derer das IT-Gewerbe sich ganz locker bedient.

Zum einen sind die besten Einfälle der IT-Fachleute nichts wert, wenn sie nicht als geistiges Eigentum von Staats wegen zur exklusiv verfügbaren Ware gemacht werden. Die erste Sorge freier Denker und Entwickler resp. ihrer Auftraggeber gilt deswegen dem Patentschutz für jedes Quantum Programmzeilen, das in der Abteilung „Research & Development“ entsteht, damit das kostbare Gut nicht in die Hände wirklicher oder möglicher Konkurrenten gerät. Das ist insbesondere dann entscheidend wichtig, wenn es nicht um die marginale Verbesserung vorhandener und bereits geschützter Programme oder die Schließung von Sicherheitslücken geht – was allerdings wohl die schlecht bezahlte Hauptmasse der so stolz verbuchten intellektuellen Arbeit am Fortschritt ausmachen dürfte –, sondern tatsächlich einmal um ein neues Dienstleistungsangebot für Kapitalisten oder Endverbraucher. Damit das sich richtig lohnt, wird gleich die allemal nur begrenzt zahlungswillige Gesamtheit möglicher Nutzer als Einkommensquelle veranschlagt; denn nur die große Zahl macht die Preise, die sich für einen weiteren Informations- oder Vermittlungsdienst oder für die Einsparung noch nicht bereinigter Geschäftsunkosten vom einzelnen Kunden kassieren lassen, zu der wuchtigen Geldgröße, auf die der Aufwand zielt. Deswegen ist das Bedürfnis der hyperaktiven „Denkfabriken“ des „Technologie“-Sektors nach Rechtsschutz für ihr geistiges Eigentum auch nicht auf den Bereich beschränkt, in dem ihr nationaler Hausherr mit seinem Patentamt für die Exklusivität der ihrer Natur nach allgemeinen „R&D“-Produkte sorgen kann und gegen entsprechende Gebühren auch sorgt. Die geschäftliche Heimat der Branche ist von vornherein und ganz entschieden der Weltmarkt. Den nehmen sie mit der größten Selbstverständlichkeit als ihr Geschäftsfeld in Anspruch und verlangen, dass die dafür nötige Rechtslage weltweit gilt. Wie viel und was für eine weltweit durchsetzungsfähige Gewalt dafür nötig ist, braucht sie als geborene Weltverbesserer nicht zu interessieren. Die richtige Adresse für ihren Bedarf wissen sie freilich sehr wohl. Deren Imperialismus verbuchen sie als fraglos zur Verfügung stehende Gratisgabe.

Zum andern hat die fürs „Silicon Valley“ zuständige Staatsmacht, zusammen mit ein paar anderen öffentlichen Gewalten, die materiellen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die IT-Konzerne mit ihrem Geschäftsmodell erfolgreich aktiv werden können. Die Infrastruktur, das Internet selbst, hat aus bekannten strategischen Gründen die Weltmacht USA eingerichtet und so funktionstüchtig gemacht, dass die private Geschäftswelt mit ihren Dienstleistungen darauf einsteigen konnte. Die nötigen technischen Hilfsmittel, immer bessere Computer vor allem, sind ebenso durch staatliche Investitionen, nicht zuletzt für militärische Belange, in die Welt gekommen. Das Gleiche gilt für die extrem fokussierte Gelehrsamkeit, die heute in den Forschungsabteilungen der privaten Konzerne ihre Blüten treibt, und speziell für das, was Leute, die dafür keinen Begriff von der Verstandesleistung des Einsehens brauchen, „künstliche Intelligenz“ nennen.

2. Spekulative Finanzblasen als Geburtshelfer

Alle staatliche Großzügigkeit erspart den Firmen der Branche natürlich nicht die Notwendigkeit eines Kapitalvorschusses, der schon von ansehnlicher Größe sein muss, weil das Angebot einer neuartigen Dienstleistung erstens aufwändig erarbeitet, zweitens einer im Prinzip weltweiten Kundschaft nahegebracht und schmackhaft gemacht werden und sich drittens dadurch empfehlen muss, dass es überall und jederzeit abrufbar bereitliegt. Dem beträchtlichen Aufwand stehen die ebenso großen Versprechungen des besonderen Geschäftsmodells der Branche gegenüber. Die macht ihr Geld nämlich nur zum Teil mit der Herstellung nützlicher Güter oder Dienstleistungen. Was die führenden Unternehmen so groß gemacht hat und macht, sind ihre Dienstleistungen für den gehobenen Bedarf der Kapitalisten dieser Welt, die Produktivität ihres Eigentums durch Verbilligung und Beschleunigung seines Kreislaufs zu steigern. Diese Dienstleistung beruht darauf, dass sie von einer Vielzahl kapitalistischer Unternehmen in Anspruch genommen wird: Die Werbe-, Verkaufs-, Vermittlungs- und sonstigen Plattformen sind ja nur so attraktiv wie ihre Reichweiten und die Reichweiten nur so groß wie die Menge der Firmen, die sich darauf finden. Nicht bloß das Ziel, sondern notwendige Erfolgsbedingung der Branche ist es daher, mit ihren Angeboten für die ins Auge gefasste Kundschaft unentbehrlich zu werden – was wiederum entscheidend von der möglichst kompletten Abdeckung der Masse möglicher Interessenten abhängt. Geboten ist daher von der Sache her das Bemühen um die Monopolisierung des Geschäftsinteresses, das der jeweilige Dienstleister zu bedienen gedenkt. Das treibt natürlich den nötigen Vorschuss in die Höhe und macht auch von da her eine große Zahl von Kunden zur Erfolgsbedingung des Unternehmens; dies umso mehr, weil der Einzelpreis für den angebotenen Dienst, den Kapitalkreislauf zu beschleunigen, erst einmal in keinem Verhältnis zum Aufwand für die Etablierung dieses Dienstes steht. Umgekehrt liegt darin allerdings auch die große Chance, dass das elektronische Produkt nach dem Muster „eine Ware – auf Dauer unendlich viele Abnehmer“ sich als phantastisch sprudelnde Geldquelle erweist. Da erlebt tatsächlich das Geschäftsmodell des transkontinentalen Eisenbahnbaus oder des Ozeane verbindenden Kanals seine Neuauflage im „Cyberspace“; mit dem nicht unwichtigen Unterschied, dass die Möglichkeiten der beschleunigten Kapitalzirkulation sich hier nicht auf die Überwindung banaler geographischer Hindernisse beschränken, sondern womöglich noch gar nicht alle bekannt und schon gar nicht ausgeschöpft sind. Das ist jedenfalls die Hoffnung der Nachzügler, die mit der Karriere von Facebook oder Amazon vor Augen an neuen Diensten tüfteln, die für die kommerzielle Kundschaft eventuell attraktiver sind als die bestehenden. So lockt, für Aktivisten des Gewerbes unwiderstehlich, ein Geschäft, das ein Renner werden könnte, eventuell oder sogar mit überwiegender Wahrscheinlichkeit aber auch gar nichts taugt. Und das auf jeden Fall nach der Anfangsinvestition eine unabsehbar lange Durststrecke zu überstehen hat, auf der kaum erste Einnahmen fließen, die aber im günstigsten Fall dadurch abgekürzt und vergoldet wird, dass ein etablierter Konkurrent oder ein Haufen Spekulanten den Nachkömmling aufkauft.

Denn Geld dafür ist da; das ist die zu dieser Problematik passende gute Nachricht. Die Aussicht auf einen zwar unsicheren, aber womöglich enormen Gewinn war schon im Vorfeld der ersten „Dotcom-Krise“ nur allzu attraktiv für die Sorte Spekulation, die an den Börsen der Welt sowieso an der Tagesordnung ist. Und eine Krise später verfügt die dort engagierte Gemeinde einerseits über außerordentlich viele anzulegende Finanzmittel, findet andererseits außerordentlich wenige Anlagemöglichkeiten; beides aus demselben Grund, in dem schon wieder die politische Gewalt der führenden Weltwirtschaftsmächte die entscheidende Rolle spielt. Deren Notenbanken haben zwecks Abwehr bzw. Überwindung der vor 12 Jahren von Amerika ausgegangenen Finanzkrise den beinahe totalen Wertverlust des zuvor spekulativ vervielfachten Kredits durch „Überschwemmung der Märkte“ mit Liquidität kompensiert, die allein staatlichem Beschluss entstammt. Damit haben sie den Bankensektor der kapitalistischen Welt gerettet, sein normales Kredit- und Geldanlagegeschäft allerdings weitgehend lahmgelegt. Mit der anschließenden Krisenbewältigung per Niedrigzins-, Nullzins-, schließlich Minuszinspolitik haben sie die Besitzer der geretteten Geldvermögen einerseits in eine Zwangslage gebracht, aus der die keinen anderen Ausweg finden als den, umso mehr auf spekulative Börsengeschäfte aller Art als Gewinnquelle zu setzen; auf der anderen Seite haben die Zuständigen mit ihrer Rettungspolitik die Sicherheit gestiftet, dass es auch im Fall einer neuerlichen Krise nicht an staatlich gestifteter Liquidität fehlen wird. Es mangelt daher nicht an „Wagniskapitalgebern“. Deren Gier nach investitionswürdigen Risiken steigert folgerichtig den fiktiven Kapitalwert der Spekulationsobjekte, lässt insoweit also die Spekulation auf Bereicherung wahr werden, ohne dass die finanzierten „Startups“ irgendeinen nennenswerten Gewinn gemacht haben müssen. Und wenn die maßgeblichen Politiker „die Digitalisierung“ als die brennende, alles entscheidende Zukunftsfrage ihres Wirtschaftsstandorts und der Welt überhaupt beschwören, dann drücken sie diesem fachgerechten finanzkapitalistischen Irrsinn ihren amtlichen Stempel auf.

 

IV. v: Der Gebrauch des Faktors Arbeit

Wie jeder größere Fortschritt im bürgerlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsleben, so gibt auch „die Digitalisierung“ Anlass zu kontroversen Debatten über „Fluch und Segen“. Wesentlicher Stoff ist in dem Fall der schon realisierte und vor allem der vorausgesagte Abbau von Arbeitsplätzen. Deren Verschwinden wird nur von wenigen Freunden des kapitalistischen Geschäftserfolgs richtig gut gefunden, insgesamt aber, wie jeder Fortschritt, als sowieso nicht aufzuhaltende Entwicklung mit Bedauern akzeptiert. Bedenken werden laut, aber gleich relativiert und korrigiert: Auf jeden Fall entstehen auch neue Arbeitsplätze. Wie viele, bleibt offen; mit Sicherheit solche mit neuen Aufgaben und Anforderungen, und zwar, so die Vermutung, überwiegend geistiger Art. Für deren Bewältigung müssen das von Entlassung bedrohte Personal und der bereitstehende Nachwuchs für den weltweiten Arbeitsmarkt umgeschult bzw. anders als bisher qualifiziert werden. Denn sonst sind neben menschenleeren Fabriken zahllose Arbeitslose und zugleich ein Mangel an Fachkräften zu erwarten.

An der Prognose ist sicher was dran. Sie stammt schließlich nicht nur von Zukunftsforschern, sondern von Vertretern des Kapitals, das die Macht hat, die unerforschliche Zukunft zu machen; auch und speziell die des Faktors Arbeit und derer, die ihn verkörpern. Die politökonomische Logik, nach der diese Zukunft gestaltet wird, ist deswegen kein allzu großes Rätsel.

1. Das Ideal der Fabrik ohne Arbeiter und die Realität der Einsparung von Lohnkosten

Seit die kapitalistische Produktionsweise flächendeckend in Gang gekommen ist, betätigen sich die Unternehmer als Arbeitgeber, wollen das auch durchaus positiv verstanden haben, nämlich als Dienst an den Leuten, die darauf angewiesen sind, bei ihnen Arbeit zu „nehmen“. Gleichzeitig ringen sie darum und lassen sich das auch einiges kosten, möglichst wenig Personal zu benötigen, Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen, die Produktion automatisiert ablaufen zu lassen. Das Ideal einer Fabrik, die keine menschliche Arbeit mehr braucht, mag zwar unrealistisch sein, ist aber nicht einfach aus der Luft gegriffen. Es liegt in der Logik des Bemühens kapitalistischer Produzenten, sich vom Willen und Können ihrer angestellten Kräfte – Leute mit einem dem ihren entgegengesetzten Interesse an Arbeit in ihrem Betrieb und dem Entgelt dafür – unabhängig zu machen.

Die Dienstleistungen der IT-Konzerne helfen da weiter; gerade was den ärgerlichen Widerspruch betrifft, dass nicht bloß der Produktionsprozess selbst Lohnarbeiter erfordert: Die durchgängige Gestaltung dieses Prozesses nach dem Prinzip der maximalen Rendite, die Rechnungsführung, das Ein- und Verkaufsgeschäft usw., das alles ist im modernen Kapitalismus zu einer Aufgabe geraten, für deren Bewältigung oft schon mehr Hilfspersonal nötig ist als für die längst durchrationalisierte Güterherstellung selbst. Auch in diesem Bereich gilt aber, auch im Zeitalter der in Clouds ausgelagerten Datenverarbeitung: Der Zweck, den kapitalistische Arbeitgeber mit ihren immer neuen Rationalisierungsrunden verfolgen, ist mitnichten die Eliminierung des Faktors Arbeit aus ihrem Unternehmen. Die Ersetzung von Büroarbeit durch Rechenmaschinen, von Personal durch Automaten folgt allemal einem Kalkül, das Geldgrößen zueinander ins Verhältnis setzt. Es langt nicht, dass verbesserte, womöglich selbsttätige und selbstlernende Produktionsmittel in Funktion treten, die ganz und gar Eigentum des Unternehmers sind und weder eigene Interessen noch einen mit Geld zu kommandierenden Willen haben: Rechnen muss sich deren Anschaffung schon; und zwar schlicht nach dem Prinzip, dass sie über die Dauer ihrer Funktionstüchtigkeit mehr Lohn sparen bzw. aus den bezahlten Arbeitskräften mehr geldwerte Leistung herausholen, als sie auf dem Markt für Produktionsmittel kosten. Das ist ja das entscheidende Kriterium für den kapitalistischen Gebrauch von Lohnarbeit überhaupt und deswegen auch für jede Maßnahme mit dem Ziel, den Zwang zur Lohnzahlung zu mindern: Was an Lohn gezahlt wird – egal ob für Büro- oder Handarbeit, für Maschinenbedienung oder Buchhaltung –, muss sich geschäftlich lohnen, einen Überschuss an Reichtum einbringen; und ob das Ergebnis reicht, das bemisst der Unternehmer an dem Verhältnis seines Profits zu seinem Kapitalvorschuss insgesamt, den Ausgaben für Produktionsmittel und für Angestellte: an seiner Profitrate. Deswegen bezahlt er Arbeit so lange, wie sie als Faktor seiner Bereicherung fungiert und nicht mit Gewinn durch totes Gerät zu ersetzen ist; was durchaus auch dazu führen kann, dass Experimente mit der Automatisierung von Arbeitsschritten abgebrochen werden und Arbeitnehmer alte oder neue Lücken im Produktionsprozess ausfüllen, die durch – in der Regel extra schlecht – entlohnte Arbeit besser und billiger zu schließen sind als durch Roboter.

Mit diesem berechnenden Gebrauch von Arbeit und Technik konkurrieren die kapitalistischen Unternehmer gegeneinander. Mit ihren technologischen Fortschritten und den entsprechend teuren Investitionen führen sie einen zunehmend härteren Kampf nicht gegen die Arbeitnehmer, sondern auf deren Kosten gegen ihresgleichen, machen einander den ökonomischen Erfolg streitig und am Ende das Überleben schwer.

*

Kleiner Exkurs zu der heißen Frage, ob der Kapitalismus nicht irgendwann demnächst vollautomatisch funktioniert

Eine Welt ohne Lohnarbeit wäre toll. Ein Kapitalismus ohne Lohnarbeit wäre keiner. Fabrikhallen und Büros voller Roboter und ohne Arbeitsstress: das ist und bleibt eine Sache kommunistischer Planwirtschaft. Der Kapitalismus verknüpft auf seine schöpferische Art die Automatisierung von Unternehmensabläufen, seinen Arbeit sparenden Fortschritt, mit der quantitativ und qualitativ fortschreitenden Unterwerfung der Menschheit unter unterschiedliche, überwiegend stupide und armselig bezahlte Arbeitsdienste.

Der erste Grund dafür liegt in der Eigenart dessen, was in dieser Welt Reichtum ist. Natürlich lebt man auch im Kapitalismus nicht wirklich von der Kreditkarte, sondern von materiellen Gütern, von Gebrauchswerten, die beständig reproduziert werden müssen. Als Reichtum zählt aber, wie jeder weiß, das Geld, das für diese Güter zu zahlen und umgekehrt mit ihrem Verkauf zu verdienen ist. Was nicht so allgemein gewusst wird, obwohl es unweigerlich jeder irgendwie merkt, das ist das eigentümliche gesellschaftliche Verhältnis, das im Geld objektiv, als Gegenstand existiert. Eigentümlich im Wortsinn: Geld ist Eigentum in Reinform, zugleich in bestimmter Quantität; es ist zivile Zugriffsmacht auf ein Quantum nützlicher Güter, die erst einmal ihrem Produzenten gehören und selbst, ausweislich ihres Preisschilds, ein Quantum Geld repräsentieren, in das sie sich verwandeln sollen und verwandeln müssen, um ihren Produzenten wirklich zu bereichern. Geld ist quantifizierte Zugriffsmacht auf fremdes Eigentum, die durch eigene Geldwert schaffende Arbeit verdient sein will. Oder umgekehrt: Arbeit ist auch im Kapitalismus ein Beitrag zum gesellschaftlichen Reproduktions- und Lebensprozess; ihr gesellschaftlich gültiges Resultat ist aber, im Widerspruch dazu, die ausschließende private Verfügungsmacht über diesen Beitrag, worin auch immer er sachlich besteht, qualitativ vergegenständlicht und quantitativ bestimmt in einer Geldsumme.

Ein Geheimnis ist das, wie gesagt, überhaupt nicht. Schon die triviale funktionalistische Bestimmung des Geldes als Tauschmittel gibt, wenn man’s genau nimmt, eben diese Auskunft über die Eigenart des gesellschaftlichen Reichtums in der bürgerlichen Welt. Denn der Tausch, um den es allemal geht, ist eine Sache zwischen Personen, die gegeneinander die im Geld wirksam realisierte Verfügungsmacht ihres wohlverdienten Eigentums ausüben: die sich aneignen, was bis dahin einem andern gehört, und dafür eigenes, in einer Geldsumme schlagkräftig vorliegendes Eigentum hingeben.

Der als Zweites zu nennende Grund ist der: Das übers Geld vermittelte Verhältnis zwischen Menschen als Eigentümern existiert nur deswegen universell, flächendeckend und alternativlos, weil es gar nicht in dieser Elementarform existiert, sondern als Zugriffsmacht in einem viel spezielleren Sinn. Die Mittel, nützliche Güter zu schaffen und sich damit Geld zu verschaffen, sind selber Eigentum, und zwar einer exklusiven Minderheit von Kapitaleignern. Der große Rest hat keine Chance, nennenswertes Eigentum für sich zu schaffen, braucht sie in dieser Welt aber auch nicht. Denn er lässt sich kaufen: Für ein Geld, das Entgelt für Arbeit, lässt die Person ohne Eigenmittel sich durch kapitalistische Arbeitgeber in Gebrauch nehmen. Als deren Instrument wird sie funktionalisiert für eine Produktion, die – siehe oben – als ihr gesellschaftlich entscheidendes Produkt Eigentum in Geldform schafft; jetzt aber – natürlich! – nicht persönliches Eigentum der benutzten Arbeitskraft, sondern eines, das ihrem zahlenden Anwender gehört. Das menschliche Instrument hat mit der Schaffung nicht einfach von nützlichem Zeug, sondern von geldwertem Eigentum daran das Seine getan und seinen Lohn verdient; der geschaffene Geldwert ist Eigentum des kapitalistischen Veranstalters. In dessen Händen bewährt sich das Geld also als Zugriffsmacht nicht auf einen Gegenwert, der damit bezahlt wird, sondern auf eine eigentumslose menschliche Geldquelle. Oder wieder andersherum: Auch im Kapitalismus reproduziert sich die Gesellschaft in einem arbeitsteiligen Gesamtprozess. Aber die Arbeitsteilung, auf die es hier ankommt, ist die zwischen den Inhabern der mit Geld ausgeübten Macht über das in irgendeiner Form werktätige Fußvolk, die über alles gesellschaftlich Produzierte verfügen und darauf ihre Gewalt über die gesellschaftliche Arbeit gründen, und den derart „abhängig Beschäftigten“; die reproduzieren mit ihrer Arbeit die Macht des über sie ausgeübten Kommandos und in Abhängigkeit davon sich selbst.

Der ganze Witz an der gesellschaftlichen Natur des geldförmigen Reichtums, und dass er, wie es heißt, die Welt regiert, ist also dieses Verhältnis: zwischen der Kapitalseite, die ihr in Geldeinheiten nachgezähltes Eigentumsquantum dadurch vermehrt, dass sie durch fremde gekaufte Arbeit für sich „Wert schöpfen“, i.e. neues Eigentum herstellen lässt – und der Gegenseite der gekauften Arbeit, die ihre Eigentum schaffende Tätigkeit an und mit fremdem Eigentum und für dessen Eigentümer wirksam werden lässt. Mit all ihren Bemühungen, die Produktion zu automatisieren und bezahlte Arbeit überflüssig zu machen, verschiebt die Kapitalseite – übrigens seit jeher – das quantitative Verhältnis zwischen dem Geldaufwand für geldschaffende Arbeit und deren Produkt zu ihren Gunsten. Dass sie dabei, quasi aus Versehen, die Lohnarbeit abschafft und sich damit den Ast absägt, auf dem sie sitzt, steht leider nicht zu erwarten.

*

2. Smarte Belegschaften und eine international vernetzte Arbeiterklasse

Wenn IT-Konzerne zum Kapitalumschlag beim Kontakt zwischen Unternehmen und Markt, bei der Einrichtung oder Effektivierung eines automatisierten Produktionsprozesses und bei der Abstimmung von Produktionsprozessen über Unternehmensgrenzen hinweg ihre Dienstleistungen beisteuern, dann wird dadurch ohne Zweifel eine Menge Lohnarbeit überflüssig, im Bereich der kapitalistischen Bürokratie ebenso wie im Bereich der Produktion im engeren Sinn. Dabei liegt es in der Logik dessen, was man Rationalisierung nennt, dass vor allem solche Arbeiten entfallen, die schon hinreichend schematisiert sind, um gut durch Automaten erledigt werden zu können, solche, die nach unternehmerischer Konkurrenzrechnung – zu – viel Lohn kosten, und erst recht solche, auf die beides zutrifft. Der digitale Fortschritt steuert dazu keine neuen Kriterien bei. Er hilft aber sehr bei der Identifizierung und Überwindung derartiger Schwachstellen in der betrieblichen Kosten- und Leistungsstruktur. Dass auch neue Arbeitsplätze entstehen, ist kein Wunder: Für die Einrichtung und Pflege der digitalen Dienstleistungen braucht es Personal; und bei der Durchleuchtung der vorgefundenen Strukturen im Unternehmen wird sich allemal ergeben, dass kompliziertere wie schlichtere Tätigkeiten nur mit größerem Aufwand automatisierbar sind und ein Mensch mit seinem speziellen Anpassungsvermögen bei bescheidener Lohnzahlung betriebswirtschaftlich die beste Lösung ist.

Einen qualitativ weiterführenden Nutzen für den kostenbewussten Umgang mit dem Faktor Arbeit bieten die IT-Konzerne mit der Herstellung und denkbar einfach auszunutzenden Erschließung eines globalen Arbeitsmarkts. Jahrzehnte des Welthandels, der Mobilität des Kapitals und der Arbeitsmigration haben da schon bestens vorgearbeitet. Es gibt schon lange keine Weltgegend mehr, in der nicht die kapitalistische Produktionsweise mit ihrer Technologie, ihren Anforderungen an brauchbare Arbeitsleistungen, ihrer praktischen Herrichtung der Bevölkerung zur lohnabhängigen Arbeitskraft und mit ihren Entgeltzahlungen als mehr oder weniger alternativloses Lebensmittel der Massen durchgesetzt ist. Und wo Kapitalismus herrscht, da sind dessen kommerzielle Veranstalter, kapitalistische Multis mit ihrem spezifischen Arbeitskräftebedarf, vor Ort – oder wenn nicht, dann aus betriebswirtschaftlichem Kalkül. Diese Omnipräsenz des Kapitals wird effektiver und billiger, seit Unternehmen der IT-Branche übers Internet die Weltbevölkerung, soweit sie über einen internetfähigen Anschluss verfügt – und da ist mit Facebook und Billig-Handys schon viel erreicht –, für jede kapitalistische Nachfrage nach Personal verfügbar machen. Es wird leicht für kosmopolitische Unternehmer, über alle Grenzen hinweg Leute, die einen Arbeitgeber brauchen, nach den eigenen Geschäftskriterien ideell zur Konkurrenz antreten zu lassen und über ihre Beschäftigung zu entscheiden. Übers Internet lassen sich Dienstleistungen der verschiedensten Art, die nicht am Unternehmensstandort verrichtet werden müssen, auch direkt abrufen; an digital vernetzten armen Leuten mit ebenso dringenden wie bescheidenen Honoraransprüchen besteht kein Mangel.

Letzteres machen sich speziell Firmen der IT-Branche selber zunutze. Denn in der Arbeitsplatzfrage glänzen sie zwar gerne mit den Spitzengehältern, die sie ihren Spitzenleuten zahlen, denen nämlich, die ihnen ein Stück geistiges Eigentum liefern, das sich vielfach zu Geld machen lässt. Das verdient dann zwar immer noch erst einmal der Auftrag- oder Arbeitgeber – erfolgreiche Firmengründer mit einer Karriere von der Garage zum Weltkonzern sind so prominent wie selten –; der lässt seine hauseigenen Erfinder aber gegebenenfalls an den Börsenkursen teilhaben, die wagemutige Spekulanten erzeugen. Zu deren Spitzenleistung – und vor allem dazu, dass die sich spitzenmäßig lohnt – gehört aber regelmäßig ein Heer von Dienstkräften, von denen ein großer Teil als Clickworker übers Internet den großen Haufen geistloser Routinearbeit erledigt, die fürs Alltagsgeschäft nötig und von alphabetisierten Weltbürgern immer noch billiger zu haben ist als von Automaten, die nicht auf einen denkbar bornierten Verstandesgebrauch reduziert, sondern erst einmal künstlich intelligent gemacht werden müssten.

Ihrem Werk, der „Digitalisierung“, verschafft die IT-Industrie so den guten Ruf, nicht bloß Arbeitsplätze abzuschaffen, die ohnehin nicht mehr ins „digitale Zeitalter“ passen, sondern Menschen mit Arbeit zu versorgen. Deren bekannte Qualitäten, insbesondere die Billigkeit der Dienste, die übers Internet direkt greifbar sind, tragen durchaus mit dazu bei, dass der Bedarf des Kapitals an menschlichen Lückenbüßern im globalisierten Wertschöpfungsprozess nicht ausgeht und bestens bedient wird – durch eine automatisch immer neu und in Echtzeit bedarfsgerecht durchsortierte und angepasste, wahrhaft internationalisierte Arbeiterklasse.

©GegenStandpunkt 19-3