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aktuelles Thema:

Fortschritte in der Konkurrenz der Kapitalisten:

Die Digitalisierung des Kapitalkreislaufs

 

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Den Feind kennen

II. Die Unkosten des Regimes des Kapitals über die Produktion
1. Kapitalistische Qualitätskontrolle
Kapitalistische Unternehmer – das ist nichts Neues – nutzen ihr Regime über
die gesellschaftliche Arbeit und deren Produktivkraft für ihren Gewinn: Kein
Produkt verlässt den Betrieb, kein Auftrag ist abgearbeitet, ohne dass der absehbare
Gelderlös den Geldaufwand übersteigt. Das ist jedenfalls das klare und
eindeutige Kriterium der Qualitätskontrolle, der der Produktionsprozess im
kapitalistischen Unternehmen unterliegt: Er muss neues, zusätzliches geldwertes
Eigentum schaffen; nicht nur viel, sondern in gehöriger Proportion zum aufgewandten
Kapital, denn darin misst sich dessen Produktivität.
Daraus ergeben sich – auch das ist nichts Neues – spezielle hohe Anforderungen
an die Gestaltung des Produktionsprozesses. Die betreffen die angewandte
Technik ebenso wie die Organisation ihres Gebrauchs. Es geht um Kosteneffizienz
beim Einsatz von Maschinen und Reaktoren, von Arbeitskräften und Ma -
terial. Geboten ist die Einrichtung von Arbeitsplätzen, die ein Maximum an
Output-Leistung mit einem Minimum an Bezahlung kombinieren. Strikt zu vermeiden
sind Unterbrechungen im Arbeitsgang; menschengemachte, aber auch
solche, an denen der Markt, die Abhängigkeit von Zulieferern schuld ist, usw.
In jeder erdenklichen Hinsicht haben die Industriellen es, nach vielen Jahrzehnten
des kapitalistischen Fortschritts, für ihre Belange weit gebracht; zu vollautomatisierten
Produktionsstraßen etwa, sowie zu einer unternehmenseigenen Bürokratie,
die keineswegs bloß die gewinnbringende Perfektionierung der Herstellungstechnik
zu managen hat: Sie kontrolliert mit erprobter und fortschreitender
Routine das betriebliche Geschehen insgesamt unter dem Kostengesichtspunkt,
organisiert es auf Ertragssteigerung hin, bringt Buchhaltung und Produktionssteuerung
zweckmäßig überein und tut, was immer sich für die Mehrung des
Eigentums tun lässt, unter dessen Regime der ganze Laden steht. Der Haken ist
nur: Das alles kostet Geld. Nicht nur der technische Fortschritt hat seinen Preis:
Den planmäßig so zu gestalten, dass dadurch der Profit steigt, ist eine Aufgabe,
deren Erledigung durch eine smarte Unternehmensbürokratie einen ganz eigenen
Geldaufwand erfordert. Der mindert, nach den Regeln kapitalistischer Re -
chenkunst, die Kapitalproduktivität, um deren Sicherstellung und Steigerung es
doch geht. Das ist schlecht.
Natürlich haben kapitalistische Unternehmer auch hier nichts anbrennen lassen.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sie in konstruktiver Zusammen -
arbeit mit Computerfirmen und Software-Fachleuten auch diesen traditionell
personalaufwändigen Bereich technisch aufgerüstet und dabei personell ausgedünnt,
also kapitalistisch rationalisiert. Das gesamte kapitalistische Procedere –
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die kostensparende Organisation des Herstellungsprozesses und seine Verknüpfung
mit den Anforderungen des Markts resp. des Unternehmens an den Markt –
haben ihre Experten unternehmens- und sogar branchenübergreifend auf stereotyp
auftretende Muster hin durchforstet. Nachdem Generationen von Meistern
und Managern Standards der Planung, Verwaltung und Steuerung etc. entwickelt
und durchgesetzt haben, sind sie natürlich fündig geworden. Das kapitalistische
Regime über die Betriebsabläufe haben sie in die Form komplexer
Gebrauchsanweisungen gebracht und diese zu Abfolgen selbsttätig aufeinander
aufbauender und einander kontrollierender Rechenoperationen verarbeitet: zu
Computerprogrammen, die einerseits beliebig vielfach anzuwenden sind, andererseits
auf besondere Bedürfnisse zugeschnitten werden können. Hardware
und – selbst entwickelte oder von einschlägig aktiven IT-Firmen zu kaufende –
Software mindern den Personalaufwand, effektivieren die nötige bürokratische
Arbeit, sparen also Kapitalvorschuss. Aber natürlich kosten sie Geld, und das
immer wieder von Neuem, weil ein flotter Fortschritt sowohl bei der Erfassung
der für die kapitalistische Qualitätskontrolle wichtigen Daten und ihrer Verarbeitung
zu wirkungsvollerer Software als auch beim dafür nötigen technischen
Gerät den erreichten Kostenvorteil immer schnell schwinden lässt.2)
Folglich ist die Unternehmenswelt sehr empfänglich für das Angebot, das die
Großen der IT-Branche auf dieser Grundlage entwickelt haben: Sie erledigen das
alles. Zur Auswahl stehen: „Platform as a Service“ – ein Unternehmen kauft sich
Zugriff auf externe Hard- und Software, um mit fertigen Bausteinen eigene be -
triebsspezifische Anwendungen zu entwickeln –, „Infrastructure as a Service“ –
man mietet beim Anbieter Server, Netzwerke, Datenspeicher, Betriebssysteme,
überhaupt was man sich nicht selbst anschaffen will und womöglich bald wieder
abschreiben muss – oder „Software as a Service“ – der Kunde muss benötigte
Programme nicht mehr kaufen, installieren und aktualisieren, sondern greift auf
die vom Dienstleister bereit- und immer auf dem neuesten Stand gehaltenen
Rechenoperationen zu, die er für die Leitung seines Unternehmens braucht.
Auch das kostet natürlich Geld. Zuerst und vor allem einen beträchtlichen
Kapitalvorschuss von Seiten der Anbieter. Die müssen eine voluminöse technische
Infrastruktur aufbauen, unterhalten, bedarfsgerecht erneuern und gemäß
den Fortschritten ihres Geschäfts erweitern; sie müssen die nachgefragte Software
bereithalten, pflegen, den Kundenwünschen gemäß bzw. dergestalt perfektionieren,
dass sie damit bei alten und neuen Kunden Zahlungsbereitschaft stiften;
sie müssen, soweit die Kunden das nicht selber tun, die Schnittstellen mit den
Datensystemen der Firmen einrichten und permanent aufrechterhalten, deren
Bürokratie sie ganz oder teilweise durch ihre Dienste ersetzen. Das alles lassen
sie sich natürlich von ihrer Kundschaft bezahlen; natürlich so, dass ihr eigener
Kapitalaufwand sich für sie lohnt und folglich den Kunden die Berechnung nicht
2) Inzwischen wird am Ideal eines Modells des Unternehmens herumgedacht, das dessen
geschäftsrelevante Abläufe bis hin zu den physikalischen Prozessen der Produktion
komplett widerspiegelt: eines „digitalen Zwillings“ der Firma, mit dessen Hilfe
sogar „auch (noch) nicht existente, sich in Planung befindende Objekte und Prozesse
nachgestellt werden könnten“ (aus Googles Angebot zum Stichwort ‚Digitaler Zwilling‘
herausgegriffen).
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erspart bleibt, ob und wie das Versprechen der Verbesserung der Produktivität
ihres Kapitals durch Kostenminderung und Effizienzsteigerung von Planung und
Leitung wahr wird. Das kapitalistische Kalkül kann für beide Seiten aufgehen,
weil die IT-Konzerne für die Amortisierung des größten Teils ihres Vorschusses
mit einer Menge von Abnehmern rechnen, die es ihnen erlaubt, den verlangten
kostendeckenden und gewinnbringenden Preis pro Abnehmer geringer ausfallen
zu lassen als deren sonst nötigen eigenen Aufwand; abgerechnet wird nach dem
Muster „Pay per Use“ sekunden-, megabyte- und centgenau nach Inanspruchnahme
der Dienste oder mit einem Pauschalbetrag für einen festgelegten Zeitraum.
Der Geschäftserfolg der Dienstleister hängt dementsprechend direkt von
der Anzahl ihrer Kunden ab; nur die Masse macht den enormen Kapitalvorschuss
lohnend, den sie auf jeden Fall leisten müssen – und zu dem gerade deswegen
nicht zuletzt ein erheblicher Personalaufwand für die Akquisition von
Abnehmern gehört. Das unbedingte Streben nach Größe gehört folglich ganz
essenziell zum Geschäftsmodell der Konzerne, deren Humor die eigenen Dienste
in einer überirdischen Cloud verortet. Ihr Ziel ist flächendeckende weltweite
Präsenz, ihre Perspektive das globale Monopol; eine Cloud, nämlich ihre, für
alle Bedürfnisse wäre das Ideal. Realität ist immerhin ein Quartett aus drei amerikanischen
Anbietern und einem chinesischen, die momentan drei Viertel des
weltweiten Cloud-Geschäfts beherrschen, mit Amazon Web Services einsam an
der Spitze. Sie verdienen nicht schlecht – an dem Beitrag, den sie zur Steigerung
der Kapitalproduktivität ihrer Firmenkundschaft leisten.


2. Das Firmen-, Branchen- und Staatsgrenzen überschreitende
Wertschöpfungsnetzwerk und sein Widerspruch 3)
Die Steuerung des Betriebsgeschehens durch Programme, die im Internet bereitliegen
und ganz oder teilweise von IT-Konzernen gepflegt und vermietet werden,
schließt das Angebot einer Vernetzung mit Lieferanten und Abnehmern in aller
Welt ein, auch mit Kunden, die sich Maschinen liefern, Teile ihrer Produktion
einrichten, ihren Gerätepark in Schuss halten lassen, ebenso mit Firmen, die
solche Dienste für den eigenen Laden erbringen; auch das in Form von Ge -
brauchs- und Verfahrensanweisungen, die in Abfolgen von Rechenschritten
vergegenständlicht sind und automatisch abgearbeitet werden. Auch diesem
Fortschritt können die Unternehmen sich kaum verschließen. Er sichert ihnen
die pünktliche und passende Lieferung alles Benötigten, die prompte Abnahme
ihrer Produkte, die zeitliche und technische Abstimmung der aufeinander aufbauenden
Produktionsprozesse in verschiedenen Betrieben, gerade auch im
immer wieder eintretenden Fall technischer und organisatorischer Neuerungen;
er bewahrt sie vor allerlei Risiken, Verzögerungen, eigenen und fremden Versäumnissen;
er setzt ihr Geschäft von Umständlichkeiten und Behinderungen
technischer und logistischer Art frei. Im Idealfall beschert er ihnen per Saldo
3) Zum vorigen und zum folgenden Abschnitt stehen notwendige und hilfreiche Erläuterungen
in Heft 2-16 dieser Zeitschrift in dem Artikel „‚Industrie 4.0‘: Ein großer
Fortschritt in der ‚Vernetzung‘ und in der Konkurrenz um die Frage, wem er ge hört“.
Der Abschnitt I. dieses Artikels behandelt bereits ausführlich „die ‚vierte industrielle
Revolution‘ und ihre systembedingten Widersprüche“.
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die Vorteile einer planmäßigen Arbeitsteilung über die Grenzen des eigenen
Betriebs hinweg, steigert insoweit die Produktivität des eingesetzten Kapitals.
Tatsächlich werden die kapitalistischen Konkurrenten tendenziell zu Teilen in
einem sich selbst regulierenden integrierten Wertschöpfungsprozess.
Das ist freilich auch der Haken an diesem wunderbaren Fortschritt. Mit der
automatisierten Arbeitsteilung über die eigenen Unternehmensgrenzen hinweg
betreiben die beteiligten Firmen schließlich kein Gemeinschaftswerk, sondern
die Steigerung der Produktivität ihres Kapitals. Mit ihren kapitalistischen Potenzen,
ihrer Produktivität, der Wichtigkeit ihres Teilgeschäfts für den Gesamtprozess,
bei dem es ja immerhin explizit um Wertschöpfung geht, konkurrieren sie
mit ihren Partnern und gegen alle, die sich an ihrer Stelle in das produktive Netzwerk
einschalten wollen, um ihren Anteil am Reichtum in Geldform, der am
Ende herauskommt; genauer: um dessen Steigerung im Verhältnis zum eigenen
Aufwand – nur deswegen ist die Sache ja überhaupt ein attraktives Angebot für
kapitalistische Unternehmer. Entscheidend dafür ist die Bestimmungsmacht
über den Gesamtprozess, als dessen Teil jede Firma fungiert. Dafür setzt sie ihr
spezielles Potential als Waffe ein. Das geht andererseits nicht, ohne dass wichtige
Teile dieses Potentials, die in einer Welt der kapitalistischen Konkurrenz den
Rang hochsensibler Geschäftsgeheimnisse haben – alle möglichen Interna von
den Vermögensbilanzen bis zu Betriebsabläufen und von patentierten Verfahren
bis zur politischen und geschäftlichen Landschaftspflege –, erfasst und überbetrieblich
verallgemeinert werden. Das liegt in der Natur der produktivitätsfördernden
Kooperation; was dafür an Verknüpfungen per Internet nötig ist,
muss und soll ja gerade für alle Beteiligten von jedem Standort aus verfügbar
und nutzbar sein; und was das einzelne Unternehmen zu leisten vermag, muss
offengelegt werden, damit Abläufe und Regelmechanismen immer auf den ef -
fektivsten Stand gebracht werden können.
Einen Beitrag leisten, um einen eigennützigen Zugriff auf den Beitrag anderer
zu bekommen, und das, ohne die exklusive Verfügungsmacht über die eigenen
Produktivkräfte preiszugeben: Das ist die nicht wirklich neue, durch den
digitalisierten Kooperationszusammenhang aber kräftig verschärfte Konkurrenzsituation,
die die Unternehmen zu bewältigen haben. Da steht nicht bloß
jeder gegen jeden. Es geht außerdem ganz extra um das Kräfteverhältnis zwischen
Unternehmen – meist solchen der IT-Branche, aber auch „klassische“
Technologiefirmen mischen da aktiv mit –, die die Vernetzung organisieren und
maßgeblich pflegen, also durchsetzen, und denen, die von dieser Verknüpfung
profitieren wollen, ohne sich einem externen Regime unterzuordnen. Zu den
prominenten Streitfragen in diesem Interessengegensatz gehören die praktische
Verfügung über die und das geschäftlich ausnutzbare Eigentumsrecht an den
Firmendaten, die notwendigerweise in den Algorithmus des Wertschöpfungsprozesses
einfließen und die logischerweise die Grundlage bilden für die Weiterentwicklung
der Plattformen, auf denen, und der Verfahren, nach denen die
einzelnen Konkurrenten kooperieren; auch für die Entwicklung neuer Wirkungsketten,
mit denen womöglich Geld zu verdienen ist. Doch nicht nur da,
sondern generell bescheren die Dienstleistungen rund um die produktive Vernetzung
der Unternehmen denen ein besonderes Konkurrenzverhältnis zu den
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Anbietern, deren Dienst so heftig zu einer Art Regime tendiert – im vernetzten
Kapitalismus fällt eben beides zusammen. Das Ideal der einen ist da die Existenzangst
der anderen: dass der IT-Dienstleister mit seiner Regie über die Wertschöpfungskette
den Wert abschöpft und den verketteten Produzenten nur noch
die stoffliche Umsetzung eines fremdbestimmten vorgegebenen Produktionsprozesses
zu erledigen bleibt.4) Die Realität ist der Streit darum, für wen der
Fortschritt sich am meisten lohnt. Der geht genau so seinen Gang.


3. Die faux frais der Verwaltung des Gemeinwesens, oder:
Die smarte Nation
Nicht nur die betriebliche Bürokratie belastet das kapitalistische Unternehmen,
mindert seine Produktivität. Ebenso notwendig – auch wenn die herrschende
Klasse das nur ungern einsieht – und fürs einzelne Unternehmen mindestens
ebenso kostspielig sind die unproduktiven Kosten, die der kapitalistischen Produktion
aus den Notwendigkeiten der öffentlichen Versorgung und der staatlichen
Verwaltung des Gemeinwesens erwachsen. So ähnlich – einerseits als un -
entbehrlich und wertvoll, andererseits als Belastung der Wirtschaft, die unbedingt
wachsen muss, insgesamt als „faux frais“ – ordnet die bürgerliche Politik
selbst den Aufwand für den Alltag staatlicher Gewaltausübung ein.
Umso willkommener sind die Angebote der Unternehmen der IT-Branche,
mit ihrer erprobten Expertise auch hier für Kosteneinsparung und Effektivierung
zu sorgen. Denen fällt es nicht schwer, in der bürokratischen Organisation
und Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens ebenso wie in der technischen
Betreuung anerkannter allgemeiner Bedürfnisse gleichartige Regelungen und
stereotype Verhaltensmuster ausfindig zu machen, die sich in Rechenschritten
abbilden und durch Rechenautomaten managen lassen. Hardware und Software,
die von der Wasserversorgung über die Volksgesundheit bis zur Rasterfahndung
alle möglichen Lebensbereiche mehr oder weniger automatisch steuern, sind
längst eingeführt. Auf der Basis kommt das Angebot zum Zuge, die ideelle,
organisatorische Seite des öffentlichen Dienstes für „Pay per Use“ in eine Cloud
4) Die Bewirtschaftung der bäuerlichen Landwirtschaft durch global aktive Konzerne
kommt dieser Perspektive schon ziemlich nahe, siehe: „Zum Beispiel Bayer-Monsanto.
Von der Monopolkonkurrenz in der Landwirtschaft“ in Heft 2-19 dieser Zeitschrift.
Für regierende und ideell mitregierende Nationalisten ist in dieser Konkurrenz
die Nationalität der Cloud-Betreiber das entscheidende Problem, nämlich eines der
nationalen Abhängigkeit, der fremdländischen Herrschaft über unverzichtbare Er -
folgsbedingungen der nationalen Ökonomie. Für Europa und speziell die Deutschen
ist es ein Missstand nahe an der Katastrophe, dass, wie erwähnt, vier auswärtige
Firmen sich den Weltmarkt für diese Dienstleistung aufteilen. Der Aufbau einer
europäischen Alternative, nach dem Vorbild der erfolgreichen europäischen Konkurrenz
gegen die USA im Flugzeugbau schon pränatal „digitaler Airbus“ getauft,
ist im Programm. Die große Chance sieht man in einem speziellen Angebot zur
Vernetzung „klassischer“ Industrien, die es so noch nicht gibt.
Hierzu und zum Folgenden steht mehr im schon empfohlenen Artikel in Heft
2-16 über die „Industrie 4.0“, außerdem im nachfolgenden Aufsatz „Zu einigen neueren
Fortschritten in der Konkurrenz der Staaten“.
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auszulagern. Dass die Technologie der automatisierten, sich selbsttätig perfektionierenden
Mustererkennung, die unter dem Titel „KI“ läuft, ungeahnte neue
Möglichkeiten der Überwachung und Lenkung des Volkskörpers eröffnet, macht
für die Behörden eine Zusammenarbeit mit den fortschrittlichsten IT-Konzernen
erst recht interessant: So wird nicht bloß das herkömmliche Verwaltungsgeschäft
billiger, Herrschaft preiswerter, sondern mancher subtile Zugriff auf die Bürger
in ihren verschiedenen politisch relevanten Rollen und Funktionen – als Autofahrer,
Krankheitsfälle, Extremisten ... – finanziell machbar.
Völlig klar, dass der bürgerliche Staat die Branche als positive Herausforderung
wahrnimmt, die er pflegen und der er sich stellen muss.


4. Der private Konsum als letzter Akt im kapitalistischen Produktionsprozess
Die Kunst der gebührenpflichtigen Vernetzung voneinander abhängiger Funktionen
erproben die IT-Konzerne auch am bürgerlichen Individuum; nicht nur
in seiner Eigenschaft als Werbe- und Versandhandelskunde, was den Warenanbietern
Geld wert ist, sondern als dem Endverbraucher, mit dessen Konsum
der kapitalistische Produktions- und Verkaufsprozess, richtig eingerichtet, erst
an sein Ziel kommt. Über den Alltag des Smartphone-Users, den sie mit ihren
so zialen Medien, den Rückmeldungen ihrer Suchmaschinen und den leicht verfügbaren
Versandhandelsstatistiken schon gut durchleuchtet haben, machen sich
die erfindungsreichen Experten der Branche her; mit dem Konzept der Mustererkennung
durch künstliche Intelligenz, der Idee der Berechenbarkeit und dem
klaren Ziel der Steuerung des individuellen Verhaltens. Gnadenlos decken sie
auf, dass dieser Alltag zu großen Teilen aus stereotypen Verhaltensmustern zu -
sammengesetzt ist, die sich, so ähnlich wie automatisierte Produktionsprozesse,
in die Form mathematisch fassbarer Anleitungen und Anweisungen bringen
lassen. Und sie arbeiten daran, daraus auch in dieser Sphäre etwas Verkäufliches
zu machen.
Die leitende Idee ist die Zerlegung des alltäglichen Warenkonsums in einen
stofflichen Anteil und in den Prozess des Ge- und Verbrauchens als solchen;
dergestalt, dass sich beides, egal ob getrennt oder durch denselben Anbieter,
verkaufen lässt; ungefähr so, wie seit jeher das Telefon und das Ferngespräch.
Damit haben sie es schon zu vielen Apps gebracht, deren Aktivierung sich zu -
sätzlich zu dem Smartphone verkaufen lässt, auf dem sie untergebracht sind (und
das seinerseits schon gar nicht mehr ohne diese Funktion zu verkaufen ist). Der
Ehrgeiz geht aber weiter; dahin nämlich, alle möglichen Konsumgüter „smart“
zu machen, i.e. ihre sachgerechte Inbetriebnahme durch einen Algorithmus zu
steuern, der übers Internet zu aktivieren ist; also an die Sache eine beliebig oft
abrufbare Dienstleistung dranzuhängen, die das Produkt gewissermaßen erst
vollendet. Und die – gegebenenfalls – jedes Mal eine kleine Gebühr kostet. Denn
immerhin erspart das Gerät seinem Besitzer so, wenigstens im Idealfall, die
Umständlichkeit und den Zeitaufwand, sich selbst um die Organisation seines
Privatlebens zu kümmern. Am Ende soll das „Smart Home“ dem Konsumenten
seine entsprechend standardisierte Lebensführung aus der Hand nehmen und
dies ganz zum Geld bringenden Schlusspunkt der produktiven Leistung des
kapitalistischen Anbieters machen.
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Den Fortschritt des Jahrhunderts in dieser Angelegenheit verspricht sich die –
dementsprechend aufgeregte – Geschäftswelt jedoch vom Geschäft mit der Verdoppelung
des Pkw in ein käuflich zu erwerbendes oder zu mietendes „Smartphone
auf Rädern“ und dessen – im Preis eingeschlossene oder, für beide Seiten
besser, nach dem Muster „Pay per Use“ extra zu bezahlende – Lenkung „von A
nach B“. Einmal entwickelt, zigmillionenfach installiert, milliardenfach abgerufen,
wäre ein solcher selbstfahrender Algorithmus eine feine Einnahmequelle
neben den ständig neu zu fabrizierenden, IT-mäßig aufgerüsteten Blechkisten;
zu berappen durch eine Kundschaft, der die einst versprochene „Freude am
Fahren“ ohnehin längst vergangen ist.

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