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aktuelles Thema:

Fortschritte in der Konkurrenz der Kapitalisten:

Die Digitalisierung des Kapitalkreislaufs

 

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Den Feind kennen

Zu einigen neueren Fortschritten in der
Konkurrenz der Kapitalisten

Die Digitalisierung des Kapitalkreislaufs


Vor ein paar Jahren ist im „Silicon Valley“ in Kalifornien der Kapitalismus
neu erfunden worden. Das macht die VR China seither nach und im Geschäft
mit der „künstlichen Intelligenz“ mittlerweile einiges vor. Um von diesem epochalen
Fortschritt nicht abgehängt zu werden, betreibt die Berliner Politik mit
großem Nachdruck die „Digitalisierung der Wirtschaft“.
Die paar sachlichen Fortschritte in der kapitalistischen Konkurrenz, um die es
tatsächlich geht, werden dabei leicht übersehen. Die betreffen insbesondere:
– das Kaufmannsgewerbe,
– den Prozess der produktiven Wertschöpfung,
– den Kapitalvorschuss,
– Umfang und Art der Lohnarbeit.


I. W’ – G’: Die Nahtstelle zwischen Kapital und Endverbraucher
1. Facebook und Facebookartige: Die Perfektionierung der Kundenwerbung
Die Gemeinde der User, die sich in den sozialen Medien herumtreiben, versteht
sich als Subjekt der Kommunikation, die da stattfindet, und täuscht sich in der
entscheidenden Hinsicht. Mit ihrem lebhaften Meinungs-, Bilder- und sonstigen
Austausch ist sie das Anhängsel kommerzieller Interessen, nämlich des Bemühens
kapitalistischer Produzenten und Kaufleute, für ihre Waren zu werben, per
Rückmeldung zu erfassen, ob und wie ihre Reklame ankommt, deren Erfolg mit
personalisierter Werbung zu steigern und sich am Ende der Bedürfnisnatur der
erreichten Kundschaft zu bemächtigen, nämlich diese Natur en gros und en
detail nach ihren Verkaufsbedürfnissen zu bilden. Dieses Geschäftsinteresse
bedienen die Konzerne der „Social-Media“-Branche in der Weise, dass sie viel
Geld in einen für die User – was denen zu denken geben könnte – kostenlosen
permanent verfügbaren universellen Vermittlungsdienst investieren, der bei
jedem Gebrauch werbende Angebote mittransportiert und Rückmeldungen
darüber sammelt, bei wem sich welche kommerziell eventuell ausnutzbaren Be -
dürfnisse abzeichnen bzw. stiften lassen. Dafür lassen sie sich aus dem Werbeetat
ihrer kapitalistischen Kundschaft bezahlen.1) In den Händen einiger weniger,
1) Allein aufgrund ihrer Masse kommen die einlaufenden – gesammelten und sorgfältig
aufbewahrten – Rückmeldedaten der User für allerlei Verwendungszwecke zahlungswilliger
Interessenten in Frage; z.B. für solche aus dem Bereich der politischen
Meinungsumfrage, auch für überhaupt noch nicht definierte Vorhaben, so dass sie
sich vielfach zu Geld machen lassen. Nicht zuletzt das hat den „Daten“ – welchen
auch immer – den absurden Ruf eingebracht, selber quasi der moderne Reichtum
zu sein.
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im Prinzip weltweit und flächendeckend präsenter Unternehmen konzentriert,
also wegen ihrer enormen Reichweite wird aus dieser Hilfsfunktion fürs Verkaufen
ein Geschäft, das den Hauptveranstalter zu einem der größten Großkapitalisten
weltweit gemacht hat. Sein Kapitalvorschuss – auch für den Aufkauf
kleinerer Konkurrenten – ist beträchtlich; der Gewinn, den er den Warenhändlern
aus aller Welt abknöpft, auch.


2. Google: Das globale Schaufenster
Apropos Weltmarkt. Den haben Industrielle und Handelskonzerne über die
letzten anderthalb Jahrhunderte hinweg schon ganz gut alleine hingekriegt, ohne
Internet und Suchfunktion. Dass das völkerverbindende elektronische Netz, das
die USA für die Belange eines bis zum amerikanischen Sieg durchführbaren
Atomkriegs geschaffen haben, für die kommerzielle Gier nach der Zahlungsfähigkeit
der Weltbevölkerung aber auch einiges hergeben kann, das haben engagierte
Telekommunikationsexperten dann ziemlich fix herausgefunden. Die
Durchdringung der bürgerlichen Privatsphäre mit omnipräsenter Leuchtreklame
– siehe 1. – geht auf ihr Konto. Und damit Hand in Hand geht die Einrichtung
des totalen – globalen und allgegenwärtigen – Schaufensters, in dem die gigantische
Warensammlung, die den materiellen Reichtum der kapitalistisch produzierenden
Welt ausmacht und die Tag für Tag umgeschlagen werden will, mit
Preisschildern versehen für den Zugriff der weltweiten Kundschaft bereitliegt.
Daraus hat Google sein Geschäft gemacht.
Groß geworden ist die Firma mit ihrer Suchmaschine. Was immer jemand im
Netz sucht, findet er schnell und treffsicher bei ihr. Ihr Suchalgorithmus durchforstet
permanent das ganze Netz, rubriziert und indexiert Myriaden von Webseiten
und zeigt sie dem breiten Publikum auf Anfrage; den Webbrowser, um
Informationen abzurufen, bietet sie gleich mit an. Ebenso wie die Kollegen von
den sozialen Medien betreibt sie Datenspeicher, Datenleitungen, verlegt sogar
selber Überseekabel usw. Und ebenso wie bei Facebook & Co ist dieser Dienst
für die Nutzergemeinde umsonst. Bezahlt wird er wieder von den kommerziellen
Nutznießern, die darin die großartige Chance finden, sich mit ihrem Warenangebot
einer nach oben offenen Zahl von Kunden zu präsentieren, die sie selber
gar nicht erreichen könnten. Über den Dienstleister sind sie auffindbar,
gegen ein gewisses Extra-Entgelt sogar auf einem guten Listenplatz vor anderen
Bewerbern. Die ansehnlichen Summen, die Google damit verdient, zeugen von
dem unbedingten schrankenlosen Bedarf der Geschäftswelt, Kunden aufzutun –
und auf der anderen Seite davon, dass Google es geschafft hat, sich für die
Geschäftswelt praktisch unentbehrlich gemacht zu haben. So fließen mit jedem
neuen Kunden neue Einnahmen; und was die Sache so richtig ergiebig macht:
ohne dass jedes Mal neue Ausgaben fällig werden.


3. Amazon: Vom findigen Buchhändler zum allgegenwärtigen
Versandhändler, mit mehrfacher Vorbildwirkung
Der Schritt von der universell aktiven Such- und Vermittlungsfunktion zum die
ganze Warenwelt umfassenden, global aktiven Versandhandel ist für die internetgestützte
Abteilung des Handelskapitals konsequent, logisch und in dem Sinn
nicht weit, jedenfalls nicht weiter als der von der ganz nebenher aufgedrängten
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personalisierten Reklame zum Kundenkontakt per Suchalgorithmus oder von
der Suchmaschine zur Werbung. Für eine praktische Umsetzung, die über die
bloße Kontaktvermittlung hinausgeht, sind allerdings eine materielle Vorratshaltung
und der Aufbau einer Logistik nötig, die Investitionen in erst einmal
abschreckender Größenordnung erfordern. Es ist deswegen kein Zufall, dass
dieser Fortschritt von einem Marktsegment her in Angriff genommen worden
ist, das für ein Handelsgeschäft vermittels elektro nischer Zeichen eine besonders
gute Voraussetzung bietet: Als Buchhändler hat Amazon sein Geld vorher schon
mit einer Ware verdient, deren Tauschwert sich aus dem Honorar für die einmal
erbrachte Leistung, einen Text zu verfassen, und der Produktion einer Menge
verkäuflicher materieller Träger dieser Geistes leistung zusammensetzt. Im Internet
hat die Firma die Chance entdeckt oder jedenfalls konsequent ausgenutzt,
sich vom Druckwerk und dessen Kosten zu befreien: Einmal digital reproduziert
und in einem hauseigenen Datenspeicher quasi telefonisch abholbar bereitgehalten,
lässt sich der Konsum der Ware ohne jeweils neuen Aufwand an jeden zahlungswilligen
Käufer liefern, der an seinem Ende des Netzes über ein passendes
Lesegerät verfügt; das erspart dem Kunden die Einrichtung einer Bibliothek
und eignet sich gleichzeitig gut als Handels artikel der herkömmlichen Art. Den
fälligen Streit mit den Rechteinhabern, die für ihr Geistesprodukt doch wieder
am Absatz pro Stück beteiligt werden wollen, führt Amazon mit der Macht des
zunehmend unentbehrlichen Vermittlers. Und ganz automatisch hat die Firma
schon damit, mit ihren mit lauter Sinn und Unsinn gefüllten Rechenmaschinen
mit Internetanschluss, den Übergang zu der Errungenschaft gemacht, die unter
dem Namen Cloud inzwischen allgemein bewundert wird.
Amazon hat damit das Tor aufgetan zur ohne großen Kostenaufwand vervielfachten
kommerziellen Verwendung all des geistigen Eigentums, das in grauer
vordigitaler Vorzeit nur in Verbindung mit materiellen Ton- und Bildträgern seine
zahlende Kundschaft gefunden hat. Aktiv sind in dem Bereich verschiedene
Streaming-Dienste; sie verkaufen Kunstgenuss in Form einer jederzeit abruf -
baren Endlosschleife und machen damit nicht bloß Schallplatten und Kinos
überflüssig, sondern akkumulieren genug Erlöse, um nicht bloß fertigen Unterhaltungsstoff
zu vermarkten, sondern selbst in dessen Produktion einzusteigen.
Die Firma Netflix z.B., die einst mit der Versendung von DVDs per Post angefangen
hat, macht etablierten Filmstudios Konkurrenz; und für die weltweite
Vermarktung ihrer Produkte bedient sie sich wiederum der längst enorm erweiterten
Datenspeicher – der Cloud – von Amazon.
Damit schließt sich der Kreis natürlich noch lange nicht. Neben seinem Buchhandel,
materiell und elektronisch, ist Amazon nach und nach in den Versandhandel
mit allen möglichen materiellen Produkten eingestiegen und hat über das
Internet als Bestellmedium die Welt des Zwischen- und Einzelhandels gründlich
aufgemischt. Mit seinen weltweiten Niederlassungen fungiert der Konzern als
Vorratslager, Anbieter und Absender für jeden Warenproduzenten oder -händler,
der von seinem Verkaufserlös den geforderten Anteil abzutreten bereit ist, und
auch selbst als Verkäufer von allem, was sich in Kartons verpacken lässt, und an
jeden Ort, für den sich ein Zusteller findet. Und was, je auf seine Art, mit Büchern
und Tintenpatronen funktioniert, das klappt natürlich ebenso gut mit Dienstleistungen
der verschiedensten Art. Für die Vermarktung von Fahrdiensten oder
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Ferienwohnungen auf Zeit, für die Vermittlung von Liebschaften an zahlungsbereite
Endverbraucher oder von Arbeitsstellen finden sich neben Amazon zahllose
spezialisierte Plattformen. Die arbeiten an immer effektiveren Algorithmen
und verdienen an der Gebühr, die sie, je nachdem, dem Geschäfts-, dem Endkunden
oder beiden berechnen, in dem Maß, wie ihr Angebot genutzt wird.
Dass die fälligen Zahlungen auch gleich per Endgerät und Internet eingezogen
werden, ergibt sich im Bereich des digitalisierten Versandhandels und Vermittlungsdienstes
quasi aus der Sache. Es ist aber natürlich überhaupt nur konsequent,
dass der Blick der geschäftstüchtigen IT-Experten des Handelskapitals
sich auf den finalen Akt des Kontakts zwischen Kapital und Kunde richtet, in
dem sich der Zweck aller Werbung und aller Vermarktungskünste erfüllt: die
Bezahlung. Das bietet sich schon deswegen an, weil die etablierten Geldhändler
selber schon längst die Tauglichkeit von Zeichen, die sich durchaus auch elektronisch
darstellen und übermitteln lassen, für die Übertragung des abstrakten
Reichtums von einem Eigentümer auf den anderen entdeckt und die entsprechenden
virtuellen Transaktionen zu ihrem Metier gemacht haben. Die sehen
sich nun der Konkurrenz von IT-Unternehmen ausgesetzt, die die Funktion der
Kreditkarte mit ihren Rechenschritten, auf ihren Datenspeichern und per Abruf
durchs Endgerät reproduzieren. Umgekehrt greifen Banken und Sparkassen gern
auf das Angebot von Amazon und anderen zu, Kundendaten in ihren Großrechnern
– ihrer Cloud – zu speichern und Zahlungsvorgänge dort abzuwickeln. Sie
sparen sich damit viel von dem Aufwand – für Geschäftsstellen, Personal und
eigene elektronische Infrastruktur –, den sie treiben, um an dem Aufwand für
die finale Verwandlung von Ware in Geld zu verdienen, den sie der Geschäftswelt
ersparen.


4. Apple: Die bürgerliche Existenz im Endgerät
Die freundliche Übernahme des gesamten Kontakts zwischen kapitalistischen
Verkäufern und Endverbrauchern durch IT-Konzerne beruht darauf, dass die
Masse der zahlungsfähigen Konsumenten schon längst mit einem handlich transportablen
Gerät zur permanenten Teilhabe am Internet ausgestattet ist. Umgekehrt
entfaltet sie eine beträchtliche Produktivkraft fürs kapitalistische Geschäft
mit dieser Ware. Denn jede neue Dienstleistung will auf dem Endgerät untergebracht
sein, ohne die Bedienung zu erschweren. So ist das einstige Handy zum
Smartphone aufgerüstet worden, das den Besitzer durch sein komplettes bürgerliches
Dasein als allzeit erreichbarer Konsument; als durch die sozialen Me -
dien definiertes Gesellschaftswesen – im Übrigen auch als jederzeit erreichbarer,
also benutzbarer Arbeitnehmer, aber das gehört schon in ein anderes Kapitel –
begleitet. Damit realisiert das Ding weitgehend den Traum des Handelskapitals
vom Menschen als personifizierter Zahlungsfähig- und -willigkeit.
Weil der User jedoch in seiner Eigenschaft als selbstbewusstes Individuum die
Sache umgekehrt versteht, nämlich die Welt, so wie sie sich auf seinem smarten
Endgerät präsentiert, gerne als seine persönliche Verfügungsmasse ansieht, ist
er bereit, für das Ding zu zahlen; gerne auch in kürzeren Abständen für ein teureres
neues, wenn die Zahl der angebotenen Dienste gewachsen, das vorhandene
Gerät also veraltet ist und ein neues erforderlich für eine zeitgemäße Teilhabe
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am gesellschaftlichen Leben. Mit dem kostspieligen Entwicklungsaufwand, den
sie sich ihr Geschäft kosten lassen, und dank der Patente, die ihr geistiges Eigentum
an den Ergebnissen vor der Konkurrenz schützen, machen die Produzenten
einander das Überleben so schwer, dass sie sich an einer Hand abzählen lassen –
bis dann doch irgendein Chinese mit ganz besonders billigen Produktionskosten
oder Microsoft mit ganz viel Kapital und eigener Soft- und Hardware ins Oligopol
der Etablierten einbricht...

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