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aktuelles Thema:

Bayer kauft Monsanto-

Von der Monopolkonkurrenz in der Landwirtschaft

(ab 20.10.)

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Den Feind kennen

III. Große Fortschritte der Großen: noch eine Revolution der Landwirtschaft

Wenn die Chefs solcher Konzerne auf die Landkarte blicken, dann entdecken sie immer noch allzu viele ‚weiße Flecken‘. Bei aller erreichten globalen Ausdehnung ihrer Geschäfte gibt es mindestens anderthalb Kontinente von Bauern in allen Größenordnungen, die sich mit ungünstigen Natur- und Marktbedingungen herumschlagen, ganz ohne die ganze Palette an Hilfsmitteln in Anspruch zu nehmen, die man ihnen gern verkauft hätte, sei es, weil sie sich die Angebote nicht leisten können oder dürfen, gar nicht für ein Geldeinkommen auf dem Markt produzieren oder Flächen beackern, auf die kein Traktor passt. Auch denen wollen die revolutionären Geschäftemacher ein Angebot machen, um so die gesamte Weltbauernschaft für die geldwerten Dienstleistungen zu erschließen, die man ihr von beiden Seiten aus anbietet. Im Falle von Bayer und Monsanto geht es auch um die Überwindung der selbstgeschaffenen und enger werdenden Schranken ihres bisherigen Geschäftsmodells. So einsinnig und konsequent fassen Agrarchemiker die ruinösen Wirkungen ihres Geschäfts auf Mensch und Natur: als eine bremsende Rückwirkung unter anderen auf ein Geschäft, das auf keinen Fall ausgebremst werden darf. Solcher Schranken gibt es derzeit viele. Es gibt erstens Schranken der Natur: einen durch den üppigen Chemieeinsatz und die intensivierte Nutzung ausgelaugten Boden sowie die wachsende Resistenz von Rüsselkäfern und Super-Weeds; zweitens Schranken des Markts: eine erlahmende Kauffreude angesichts steigender Preise und kontraproduktiver Nebenwirkungen der eingesetzten Hilfsmittel sowie sinkender Preise für ihre Güter auf einem ‚überfüllten‘ Markt; drittens Schranken des Rechts: das Auslaufen vieler ihrer Patente für gentechnisch veränderte Pflanzeneigenschaften und Pestizide sowie noch bestehende oder neu erwogene staatliche Verbote für ihre bisherigen chemischen und gentechnischen Wundermittel.

Die vorwärtsweisende Lösung für all diese Schranken besteht in der Vollendung des Weltmarkts in der Landwirtschaft. Dabei geht es den ambitionierten Konzernen nicht einmal bloß darum, weltweit in die Breite zu wachsen, also mehr Geschäft in dem Bereich zu machen, in dem sie schon eine quasi-monopolistische Stellung errungen haben. Gerade diese Stellung lässt ihnen ihren jeweiligen Bereich unerträglich klein erscheinen, und sie ist umgekehrt das beste Mittel, um die Grenzen ihres Bereichs zu sprengen. Das tun die betreffenden Konzerne allerdings nicht – jedenfalls nicht nur und nicht vorwiegend – so, dass sie in benachbarte Geschäftsbereiche eindringen und den jeweiligen Platzhirschen mit einer besseren Variante der dort üblichen Produkte ihre Geschäfte streitig machen. Ihnen geht es um eine Dominanz anderer, übergeordneter Art: als Herren über alle Geschäfte, die in und mit der Landwirtschaft gemacht werden. In der Sprache der Branche streben sie Fortschritte in der ‚vertikalen Integration‘ an, d.h. die Eroberung der vor- und nachgelagerten Geschäftssphären und im Idealfall der gesamten agrarischen ‚Wertschöpfungskette‘. Das Ganze trägt Etikette wie ‚Landwirtschaft 4.0‘ oder ‚Digital Farming‘. Das ist einerseits ein ziemlich ungeeigneter Ausdruck für das Vorhaben, den Weltmarkt zu vollenden und möglichst exklusiv auszunutzen; andererseits sind die gewaltigen Fortschritte in der digitalen Technik, also der eigene Vorsprung bei deren Anwendung, in der Tat das dafür entscheidende Mittel. Sie sind auch der entscheidende Beweggrund für Bayers „perfekten Deal“ mit Monsanto.

1.

Der Einsatz der enorm gewachsenen Rechenkraft der digitalen Technik verspricht erstens große Fortschritte in der konventionellen und gentechnologischen Züchtungstechnik: z.B. ‚Smart Breeding‘ – Hochgeschwindigkeits-Präzisionszucht dank markergestützter Selektion – und die Anwendung ganz neuer, zudem extrem billiger und schneller ‚Gene Editing‘-Verfahren (Gen-Schere) wie das unter dem sperrigen Kürzel bekannte CRISPR/Cas9. So lässt sich marktgängiges, genetisch modifiziertes Saatgut der nächst höheren Art entwickeln, das unter allen möglichen und widrigen Umweltbedingungen Hochertrag stiften soll. Im Prinzip werden Reisanbau in wasserarmen Gegenden, Weizenanbau auf kargen Böden, schnelle Anpassung von Saatgut an Klimawandel, Wetterextreme und sonstige ‚Stressfaktoren‘ möglich.1) Kosten- und zeitsparend entwickelte Saaten, die an spezielle regionale Bedingungen angepasst sind, sollen es den Klein- und Kleinstbauern der Welt ermöglichen, mit bisher nicht gekannter Ertragssteigerung marktfähig zu werden. Auch die Entwicklung von genetisch modifizierten ‚minor crops‘ wird so potenziell rentabel; das sind Saaten, nach denen zwar Bedarf besteht, von denen aber bislang zu wenig abgesetzt wird, als dass sich der Züchtungsaufwand für die Agrarchemiker gelohnt hätte. So kommen die erfindungsreichen Unternehmen dem Ziel näher, die noch bestehenden Lücken in der Kundenkartei – Regionen, in denen noch ‚autonom‘, mit herkömmlichen Anbauverfahren gewirtschaftet wird – zu stopfen. So können die Bauern der Welt beim Agrarchemiekonzern ihres Vertrauens einkaufen und können auch unter widrigen Bedingungen mehr pro Hektar produzieren, womit sie im Prinzip die Preise für die agrarischen Superproduktionsmittel auch zahlen können sollen. Und wo sie – z.B. in Afrika – bislang keine Überschüsse für den Markt zustande bringen und deshalb kein Geld verdienen, gibt es jetzt schon Hilfe bei der Finanzierung des Saatgutkaufs durch die Vergabe von Krediten und Mikrokrediten: In Kooperation mit speziellen Banken, NGOs, öffentlichen Kreditgebern à la KfW oder gleich mit eigenen Kreditinstituten wird der Verkauf befördert.2) Und zwar so, jedenfalls dem Ideal nach, dass man die Bauern in eine solide geschäftliche Kette einbaut, in der sich an ihnen langfristig und verlässlich verdienen lässt.3) So geht die Übertragung der – gesteigerten – Produktivität der globalen Landwirtschaft vom Feld des Bauern in das eigene Patent-Portfolio; und so lässt sich sogar aus Subsistenzbauern ein weltweites Geschäftsobjekt machen – die Masse macht’s. Da erscheint die Vision von Bayer („We feed the World“) sehr angemessen, nämlich als passende Überhöhung der fertigen Erschließung der weltweiten Landwirtschaft für das eigene Geschäft mit ihr.

Vom Standpunkt der Anbieter solcher Fortschritte setzt das Ganze freilich voraus, dass man zuerst kommt; in der Marktwirtschaft ist der technologische Fortschritt bekanntlich nichts ohne den eigenen Vorsprung. Ihr Ziel ist daher die möglichst rasche und möglichst weitgehende Erweiterung des eigenen Patent-Portfolios. So bringt man einerseits die bäuerlichen Kunden in eine Abhängigkeit, die sich für ihre Lieferanten lohnt. Und auch wenn bei vielen erworbenen Patenten noch gar nicht daran gedacht wird, sie in fortschrittliche Produkte zu verwandeln, werden die Konkurrenten so auf Abstand gehalten: Ihnen wird die Verwandlung des nun patentierten Wissens in Konkurrenzprodukte verwehrt – oder man verdient an dessen Lizenzierung. In jedem Fall wird das Ziel erreicht, auf das es in der Marktwirtschaft ankommt.

2.

Bayer-Monsanto stört es auch gar nicht, dass sie mit ihren angestrebten Fortschritten in der Anwendung der digitalen Technologie den Absatz ihrer bisherigen ‚Blockbuster‘ Glyphosat und Glufonisat bald ‚kannibalisieren‘ könnten. Sie wollen eben nicht länger auf diese Kassenschlager beschränkt bleiben. In den Worten des Bayer-Vorstands:

Die gefeierte Digitaltechnik senkt in erster Linie den Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln. Die Konsequenz: ‚Wenn nur die Hälfte des Feldes gespritzt wird‘, so Condon, ‚werden wir nur halb so viel Absatz machen.‘ Aber: ‚Das Wissen, dass man nur diesen Teil des Feldes spritzen muss – das können Sie verkaufen.‘“ (Fokus 39/16)

Der bäuerliche Wissensbedarf reicht sogar viel weiter: Wann sollte der Landwirt aufgrund der Marktlage von welchen Lieferanten welche Produktionsmittel kaufen? Was, wie viel und wann sollte er aufgrund der Wetter- und der Marktlage anbauen, wann, wo und wie viel spritzen oder sonst wie auf dem Feld zu Werke gehen? Schließlich: Wann sollte er aufgrund der Marktlage ernten, schlachten und verkaufen? Daher ist es für tüchtige Geschäftemacher entscheidend, sich das einschlägige Wissen über all diese Bedingungen der Produktion und Zirkulation im doppelten Sinne anzueignen: es zu sammeln und zu seinem Eigentum zu machen. Auf der Grundlage lässt sich das Wissen mitsamt den geschäftlichen Schlussfolgerungen als käufliches Gut, als Handy-App vermarkten.4) Und zwar nicht bloß einmal, sondern jedes Mal, wenn der Landwirt eine Entscheidung treffen muss, ihm daher eine Entscheidung abgenommen werden kann, also solange und so konstant, wie er sich überhaupt als Bauer betätigt. Daraus ergibt sich auch der produktive Zirkel, dass die digital versorgten Landwirte als netzgebundene Nutzer der Apps zugleich als Elemente eines vollautomatischen Dauertests eingesetzt werden: Das kontrollierte Ausbringen und Anwenden der verkauften Produktionsmittel wirkt als stetiger Feldversuch und als Grundlage der kontinuierlichen Verbesserung und Anpassung des Saaten- und Pflanzensortiments sowie aller anderen Entscheidungen, die auf den Daten basieren, die die Landwirte – mit den an ihre Gerätschaften angebrachten Sensoren – buchstäblich mit jedem Schritt produzieren.5) Will der Bauer sich seine Daten zunutze machen, so bleibt er beim jetzigen Stand der Dinge an die Firma effektiv gekettet, die ihm seine Gerätschaften verkauft und damit seine Daten sammelt, um sie ihm gegen Lizenz in brauchbarer Form zu verkaufen. So lässt sich sein Bedarf möglichst umfassend ermitteln und bedienen, um an ihm möglichst umfassend zu verdienen: Man beheimatet bzw. sperrt ihn im firmeneigenen ‚Ökosystem‘ bzw. auf einer ‚Vollservice-Plattform‘ ein, mit der man sich zum gut bezahlten Organisator aller Geschäftsentscheidungen macht, die er nur noch in einer, allerdings entscheidenden, Hinsicht selbständig trifft: auf eigenes Risiko. Diese Sorte geschäftliche Umklammerung stellt die bisherige Kunst von Monsanto, mit seinem angesammelten geistigen Eigentum an immer neuen Saaten Geschäfte zu machen, in den Schatten.

Die Konkurrenz der Anbieter und Eroberer eines solchen Regimes ist von Haus aus eine ums Monopol. Das allerdings nicht bzw. nicht primär in dem Sinne, dass man es auf die Eliminierung aller Konkurrenten abgesehen hätte. Vielmehr so, dass man sich als Türöffner und Torhüter für alle Geschäftsgelegenheiten aufbaut, die auch die Rivalen mit dem Bauern weiterhin machen und auch machen sollen, sofern die Geschäfte über das eigene digitale Service-Angebot abgewickelt werden, sodass der Service-Anbieter jedes Mal daran mitverdient. Im Grundsatz dreht sich ihre Konkurrenz um die Frage, wer den Zugang zum Kunden zur Sache seiner Gewährung machen kann – um das, was die Fachleute vornehm den ‚architektonischen Vorteil‘ nennen: Den genießt die Firma, die ihre Konkurrenten unter das eigene Regime über die gesamte Geschäftssphäre zu subsumieren vermag und sie so zu bloßen Anbietern auf einem Markt degradiert, den die architektonisch überlegene Firma gestaltet.

3.

Für dieses Ziel ist Kapitalgröße absolut entscheidend: für den Vorsprung bei Forschung und Entwicklung; für die Fähigkeit, ein ganzes ‚Ökosystem‘ zu organisieren, aus dem der Kunde nicht mehr heraus will, weil er es nicht kann; schließlich für die Rücksichtslosigkeit gegen finanzielle Verluste auf dem Weg zum Endziel. Deswegen kommen als ernsthafte Konkurrenten nur Branchenführer in Frage; und aus dem gleichen Grund kann es bei ihrer schon erreichten Größe nicht bleiben, schon gar nicht lange, weswegen Übernahmen, Fusionen und ‚strategische Kooperationen‘ innerhalb einer landwirtschaftlichen Branche und auch über Branchengrenzen hinweg das probate Mittel sind, die nötige Größenordnung zu erreichen, ohne erst in sie durch weitere Geschäftserfolge hineinwachsen zu müssen.6) Und weil es eben nicht um ein Geschäft mit einem bestimmten agrarischen Geschäftsartikel, sondern mit dem agrarischen Geschäftemachen überhaupt geht, kommt umgekehrt jeder Branchenprimus als Konkurrent in Frage – aus jeder Abteilung der Landwirtschaft, gerne auch von außerhalb. Daher treffen die Großen aus allen Gliedern in der Kette nicht nur aufeinander, sondern auch auf IT-Größen wie Google und Amazon, die mit einem solchen Geschäftsmodell Erfahrungen und vor allem: eine ansehnliche Kapitalgröße gesammelt haben.7) Dass diese Konkurrenz der Größten um Größe und ums Monopol nicht abgeht, ohne dass die Agenten des Kredits zugange sind, ist kein Wunder: Blackrock und Co sind an allen Firmen entlang der ‚Wertschöpfungskette‘ beteiligt und treiben die einschlägigen Mergers, Acquisitions und Kooperationen voran. Sie verschaffen ihren Partnern Kapitalgröße zur Überwindung aller sich auftuenden Wachstumsschranken, auf deren Überwindung sie dann auch als Bedingung ihrer Beteiligung bestehen; sie drängen also ‚aktivistisch‘ auf Konsequenz gegenüber Firmenleitungen, die für Passivität nicht gerade bekannt sind. Und in ihrer Beteiligung an den Fortschritten der Landwirtschaft machen die Finanzkapitalisten ihren eigenen Fortschritt: von der krisenbedingten Suche nach einer alternativen Anlagemöglichkeit zur Revolutionierung der gesamten Lebensmittelproduktion als sicherer, gar nicht mehr sperriger Investitionssphäre. Noch mehr: Die Geldkapitalisten führen so einen kleinen Treppenwitz der Geschichte herbei, indem sie die Landwirtschaft, das altehrwürdige Geschäft mit der Natur, bei der jetzt anstehenden ‚digitalen‘ Revolution sogar zu einem Vorreiter machen.8)

*

So macht die Riege der bestimmenden landwirtschaftlichen Subjekte in ihrer Konkurrenz einen beeindruckenden kollektiven Fortschritt: von der Entwicklung und Lieferung von – ‚autonom‘ durch die Bauern anzuwendenden – Produktionsmitteln und vom Aufkauf der – von denen in prekärer Eigenregie hergestellten – Waren zu einem von den Bauern vor Ort zu bezahlenden, datengestützten Regime über den gesamten agrarischen Produktionsprozess vom fortschrittlichen Saatgut bis zum verbraucherfreundlich gestylten und beworbenen Endprodukt und dessen Abverkauf.

4.

Für das Programm, die weltweite Bauernschaft für das umfassende Geschäft mit ihr zu erschließen, reicht es nicht aus, mit geballter Geldmacht einen gentechnischen und digitalen Vorsprung zu erlangen. Für die Steigerung und Sicherung ihrer geschäftsdienlichen Macht über die Bauern der Welt brauchen die Konzerne weltweite Rechtssicherheit – also verlässliche Akte staatlicher Gewalt. Die betreffen zum einen die Zulassung ihrer aktuellen und zukünftigen konventionellen und genetisch modifizierten Saaten und darauf abgestimmten Pestizide, zum anderen die Gewährung und Durchsetzung des geistigenEigentums, die die bisherigen Bestimmungen des Patentrechts erheblich erweitern und auf dem ihre ganze Geschäftsoffensive beruht: „Im Prinzip arbeite der Konzern ähnlich wie die Software- oder die Musikindustrie – teuer entwickeltes Saatgut im Austausch gegen Lizenzgebühren.“ (Bayer-Chef Baumann) Das gilt für das Eigentum an ihren gezüchteten Saaten sowie für die Daten, die sie künftig so umfassend sammeln, zusammenführen und vermarkten wollen; darauf lässt sich nur dann ein fortschrittliches Geschäftsmodell aufbauen, wenn die von den Bauern produzierten und für die Bauern nützlichen Daten eben nicht denen gehören, sondern dem geschäftstüchtigen Unternehmen.

Aus diesem geschäftlichen Ziel folgen politische Forderungen an die Herren des Rechts: Sie sollen den Respekt der Bauernschaft vor den „teuer entwickelten“ geistigen Produkten der Agrarkonzerne verlässlich durchsetzen – also davor, dass sie Objekte eines ausschließenden Verfügungsrechts sind, die nicht für eine Produktivitätssteigerung missbraucht werden dürfen, an der der innovative Konzern nicht Jahr für Jahr verdient. Die Erfüllung dieser Forderungen versteht sich überhaupt nicht von selbst, ist vielmehr eine erhebliche Herausforderung an Staaten, die die anvisierte Bauern-Kundschaft zunächst als ihren Besitz-, nämlich ihren nationalen Nährstand beanspruchen: Die geforderte ‚Rechtssicherheit‘ bedeutet nicht nur für die Bauern der Welt einen neuen Kostenaufwand, der sie nach bisheriger Erfahrung jedenfalls tendenziell überfordert, sondern auch für die Staatsgewalten, die mit der Durchsetzung der Anerkennung des geistigen Eigentums eben dafür sorgen, dass der Gebrauch solcher Innovationen für viele ihrer Bauern teuer bis unerschwinglich wird – was souveränen Staaten vor allem unter dem hoheitlichen Gesichtspunkt Kopfschmerzen bereitet, dass die Ernährungsbasis der Nation von den Rechnungen ausländischer Geschäftemacher abhängig gemacht wird. Auch wenn für viele der betreffenden Staaten der Welt die Steigerung der Hektarerträge ein dringliches Ziel mit Blick auf die prekäre Lebensmittelversorgung ihrer Völker ist, sind staatliche Vorbehalte gegenüber den Mitteln der Produktivitätssteigerung, die die Agrarkonzerne zu verkaufen haben, sowie die nicht immer vorhandene Bereitschaft, den Respekt vor dem geistigen Eigentum durchzusetzen, diesen Konzernen als „politische Marktrisiken“ bestens bekannt.9)

Damit ist klar, dass für das Gelingen dieses Geschäftsmodells mehr in die Waagschale geworfen werden muss als bloß Marktmacht. Die Forderungen der Agrarkonzerne nach Rechtssicherheit sind von vornherein eine Frage für höhere Mächte, die ihre staatliche Macht hinter sie stellen: Insbesondere die USA und die EU sind längst zur Stelle, um die Staaten der Welt darauf zu verpflichten, dass sie das geistige Eigentum, das seinen Entstehungsort und Heimathafen in den USA und in der EU hat, so zu schützen haben, als wäre es das Eigentum ihrer eigenen Bürger.10) In dieser Frage haben diese Weltwirtschaftsmächte in jahrelangen Verhandlungen und auf unzähligen Gipfeln beachtliches Stehvermögen bewiesen. Sie haben es geschafft, die Staaten der Welt zum größten Teil in ein Regime des geistigen Eigentums – ‚TRIPS‘ – hineinzubugsieren, bei dem allerdings noch einige Rechnungen offenbleiben, z.B. in Bezug auf die digitalen Fortschritte in der Gentechnik und der Datensammlung, und gerade unter den konkurrierenden Heimathäfen der Agrarmultis. Diesen Mächten geht es nämlich nicht bloß darum, andere Staaten auf den Respekt vor den Eigentumsansprüchen der eigenen Konzerne zu verpflichten; sie wollen sich vielmehr selbst als Standort solcher zu weltweiter Dominanz fähiger Konzerne behaupten, von der aus Letztere ihr stets wachsendes geistiges Eigentum in alle Welt hinausschicken. Vom Standpunkt dieser Konkurrenz ist die Fusion von Bayer mit Monsanto auch für den deutschen Standorthüter ein großer Coup; einen Rückschlag stellt dagegen die Entscheidung des EuGH dar, die neue Gentechnik à la Crispr mit der alten Gentechnik gleichzusetzen und deren Anwendung nur sehr eingeschränkt zuzulassen. So bleibt man bis auf Weiteres recht unattraktiv – jedenfalls im Vergleich zu den USA – für die innovativen Geschäftemacher, die den Weltmarkt neu erobern wollen.11)

5.

Auch wenn noch nicht alle Einzelheiten geklärt sind, so viel steht fest: Die nächste landwirtschaftliche Revolution fällt sehr systemkonform aus. Denn auch in dieser Abteilung der Marktwirtschaft soll genau so und nicht anders gewirtschaftet werden, wie es sich für die entscheidenden unternehmerischen und staatlichen Subjekte lohnt, weswegen auch kein Erdenwinkel ausgespart und kein Stein auf dem anderen bleiben darf. Sie machen die Sache mit der Ernährung auf die Art zu einer wahrhaft globalen Angelegenheit – zu einem Objekt ihrer Konkurrenz um den Weltmarkt, den die Multis neu in Beschlag nehmen wollen, und zu einer Sache der konkurrierenden (Groß)Mächte, die ihnen den Weg in alle Welt und von der richtigen nationalen Startrampe aus bahnen.

Etwas anders sieht diese Konkurrenz aus, wenn sie zum Streitobjekt zwischen Befürwortern und Kritikern der jüngsten landwirtschaftlichen Revolution wird. Die Diskutanten kennen zwar die entscheidenden Subjekte der Welternährung sowie deren Kalkulationen, führen ihre Debatte allerdings als eine um die Frage: „Wie ernähren wir in Zukunft die Menschheit?“ So verweisen die einen auf gewachsene Potenzen zur Ernährung derselben hungrigen, wachsenden Menschheit, auf deren Mägen sich die anderen ebenfalls berufen, wenn sie sich bei so vielen Mega-Mergers um die Lebhaftigkeit der Konkurrenz – Grundlage aller menschheitsrettenden Innovationen – sorgen, während noch andere sich Gedanken über den Boden machen, von dessen Früchten die Menschheit lebt und von dem es heißt, ihm würde unter dem Gewicht einer dermaßen ‚industrialisierten Landwirtschaft‘ langsam die Puste ausgehen. Wie auch immer die Debatte ausgeht: in jedem Fall schaffen es die Beteiligten, die Konkurrenz von Staat und Kapital um den Weltmarkt zu einem Anliegen zu verfabeln, das von, für und durch ‚die Menschen‘ gemeinsam zu beraten und zu bewerkstelligen wäre – irgendwie, letztlich. Die ganze Prämisse der Debatte ist also fiktiv, die Debatte selbst insofern bloße Begleitmusik zum wirklichen Treiben auf dem Markt, auf dem die aktiven Multis und die darüber wachenden Weltmächte längst die praktisch gültige Antwort geben. Aber genau darin ist die Debatte ideologisch sehr produktiv: So wird die wirkliche Konkurrenz um das Weltmarktgeschäft in ein Sorgeobjekt von zwar unmaßgeblichen, aber nicht minder verantwortungsbewussten Bürgern verwandelt; deren Kritik kommt bei den angeklagten großen Agrarkonzernen zwar nicht gut an, aber die Prämisse ihrer Kritik ist ihnen sehr willkommen. Das eine Resultat dieser Kritik ist einer wachsenden Unterabteilung dieses Geschäfts erst recht willkommen, nämlich die wachsende Bereitschaft, für ‚Nachhaltiges‘ und ‚Ökologisches‘ mehr zu zahlen.

Genauso verkehrt, aber ideologisch fruchtbar ist die Weise, wie die Kritiker der digitalen Revolution für den Bauern eine Lanze brechen. Anwälte seines Rechts auf eine lebhafte Konkurrenz um seine Nachfrage und sein Angebot hat der Bauer offensichtlich viele, wo eine unfaire und doch eigentlich marktwirtschaftswidrige Monopolstellung der Großkonzerne beklagt wird, ohne dass die Kritiker behaupten würden, die Bauern seien überhaupt jemals in der Lage gewesen, sich zum Nutznießer einer lebendigen Konkurrenz unter ihren Geschäftspartnern auf beiden Seiten zu machen. Aber so ist das meistens mit den negativen Wirkungen des kapitalistischen Fortschritts: Sie lassen den bisherigen Zustand immerhin etwas heller erstrahlen. Anwälte seines über die Jahrhunderte angesammelten Erfahrungswissens hat der Bauer auch: Beklagt wird der Verlust eines einmaligen Wissenserbes, der droht, wenn dessen bäuerliche Hüter zugunsten einer durchrationalisierten industriellen Landwirtschaft weiter enteignet werden. Es ist eine Sache, dass die Fortschritte der Agrarmultis den Bauern tatsächlich zum User eines digitalen Farm-Management-Systems degradieren, das andere zu seinem Schaden bestimmen. Es ist eine ganz andere Sache, ausgerechnet den Bauern, der in seiner Not, mehr verdienen zu müssen, um jeden Preis, mit allen Mitteln und ohne alle Rücksicht Hektarerträge steigert, zum Bewahrer der Schöpfung zu küren – eine Rolle, die er nur erfüllen könne, wenn er weiterhin Kleinbauer bleibt und seine Geschäftsentscheidungen ganz autonom trifft. Das großartige bäuerliche Wissenserbe hat sich zwar am wenigsten für den Bauern ausgezahlt, aber so sind seine Nöte immerhin ein fruchtbarer Boden für die Feier von Tugenden, die man ihm andichtet.

*

Die wirklichen Streitfälle zwischen den Großkonzernen und ihren Kunden werden anderswo, nämlich derzeit vor amerikanischen Gerichten verhandelt. Hausmeister und Rentnerpaare mit großen Rasen in Monsantos Heimatland haben offenbar schlagkräftigere Anwälte als ‚die Menschheit‘ und deren bäuerliche Versorger. Wenn die Verwendung von Agrarchemie dort drastische Gesundheitsschäden anrichtet, bleibt die Frage nach dem Schadensersatz kein frommer Wunsch: Im Land der geschäftstüchtigsten Anwälte und der Geschworenengerichte keimt vielmehr Hoffnung für die Betroffenen auf – zumindest in den unteren Instanzen. Dann drohen happige Strafzahlungen für Bayer-Monsanto, ein Verfall des Aktienkurses und harsche Worte für den Vorstandsvorsitzenden. Freilich hat auch Bayer seine Anwälte. Viel Stoff also für mitfiebernde journalistische Profis in der Heimat des nun größten Agrarchemiekonzerns der Welt.

1„Wissenschaftler haben mit Crispr/Cas bereits Weizen gegenüber Mehltau sowie Reis gegenüber Schadbakterien widerstandsfähiger gemacht. Schon in fünf bis 10 Jahren könnte ein solches Saatgut auf den Markt gelangen. Bisher machten Gentechniker Nutzpflanzen resistent gegen Unkrautvernichter oder ließen sie Insektengifte produzieren. Mit der Crispr/Cas-Methode sollen künftig die Pflanzen selbst widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen oder Trockenheit werden.“ Es erfolgt kein Einbau von Fremd-DNA/(Genen), „vielmehr sollen gentechnologisch die pflanzeneigenen Gene für‚Resistenzen aktiviert‘ bzw. ‚Anfälligkeits‘-Gene ‚abgeschaltet‘ werden.Dabei ließen sich Umbauten in der DNA nicht von Veränderungen unterscheiden, die in der Züchtung beispielsweise durch Bestrahlung entstehen.“ (Apotheken Umschau 6/16)

2[Monsanto] entwickelt, unter anderem zusammen mit der Gates-Stiftung, eine Reihe von gentechnisch veränderten Sorten, die gleichermaßen Dürre, Insekten und Krankheiten trotzen sollen. Feldversuche mit Bauern in fünf Ländern haben laut Monsanto bis zu dreifach höhere Ernteerträge gegenüber klassischen Sorten erbracht.“ (SZ, 12.10.16) Eingeschlossen in die Gentech-Strategie ist eine neue rechtliche Fassung der Lizenzen: Die von einigen Staaten bislang gegen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) abgeschotteten Märkte bekommen ein passendes Angebot, indem von vornherein die prohibitiven Rechts-Definitionen des Saatguts umgangen werden und die Züchtungen nach neuen Kriterien patentiert werden.

3„Die Farm to Market Alliance ... ist ein öffentlich-privates Konsortium von Organisationen, darunter Bayer, welches sich das Ziel gesetzt hat, die Wertschöpfungsketten von Nahrungsmitteln in Schwellenländern durch den Aufbau einer nachfrageorientierten Wertschöpfungskette zu verändern. Diese basiert auf langfristigen Verbindungen zwischen Lieferanten (Landwirten), Einkäufern und anderen wichtigen Marktteilnehmern wie Bereitstellern von Finanzmitteln, Inputs und technischem Know-how. Ziel ist es, Kleinbauern aktiv einzubinden, ihre Produktivität, Rentabilität und Belastbarkeit sowie ihre Stärke als verlässliche Marktteilnehmer zu steigern.“ (cropscience.bayer.de)

4„Der Landwirt muss das Geschehen im Betrieb laufend überwachen, zeit- und wetterbedingt steuern und, im Falle unerwarteter Schwierigkeiten, Gegenmaßnahmen finden und einsetzen. Auch für den kompetentesten Landwirt eines kleinen bis mittelgroßen Betriebes ist es aufwendig, den Überblick über die einzelnen Prozesse zu behalten. Hier kommen Agrarsoftwares wie ‚365FarmNet‘ oder ‚PC-Agrar‘ ins Spiel. Diese Farmmanagement-Systeme erlauben die individuelle, überschaubare und effiziente Steuerung eines Bauernhofes. Sie unterstützen den Landwirt in seinen Betriebs- und Verwaltungsaufgaben und vernetzen ihn mit wichtigen Partnern. In dieser Hinsicht verbreitet sich der Begriff ‚Prescription Farming‘: Anhand von Daten und Informationen, die dem Bauern zur Verfügung stehen, kann er die bestmögliche Entscheidung im Voraus treffen, noch bevor er sein Feld sät, düngt oder mit Pflanzenschutzmitteln besprüht... Der Landwirt kann zudem dank der Agrarsoftware Ernte- und Transportaufträge zuteilen und verfolgen, das Personal nach aktuellem Bedarf einsetzen, Saatgut- oder Düngemittelbestellungen automatisch ausführen, den Pflanzenanbau neuer Sorten planen. Gleichzeitig werden Prozessabläufe dokumentiert und gesammelte Daten gespeichert. In den USA betreiben 60 bis 70 % der großen landwirtschaftlichen Betriebe Präzisionslandwirtschaft. In Deutschland liegt der Wert bei maximal 30 %. Die Digitalisierung der Landwirtschaft in Deutschland hinkt hinterher.“ (Bauernhof-Romantik war gestern: Wie IT die Landwirtschaft digitalisiert und grundlegend verändert, pflanzenforschung.de, 4.3.16) „Ziel muss es sein, eine Plattform aufzubauen, deren Algorithmen alle Daten so auswerten, dass dem Landwirt die für ihn wichtigen Informationen bereitstehen. Eine Plattform, die einen garantierten Ernteerfolg berechnen und vorhersagen kann. Auf dieser Basis kann jeder Landwirt seinen Betriebund seinen wirtschaftlichen Erfolg klug und vorausschauend planen.“ (cio.de, 18.5.18)

5„Mit digitalen Instrumenten ausgestattete Maschinen geben Bauern vor, wann, wie und wo sie Saatgut aussäen sowie Pestizide und Düngemittel anwenden sollen. Maschinendaten werden automatisch an den Hersteller gesandt. Denkbar wäre auch der Zugriff auf die ermittelte Erntemenge, den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Ernteerträge können über Satelliten vorhergesagt werden und Pflanzensorten über Drohnen identifiziert. In den USA wurden für die 30 Millionen landwirtschaftlichen Felder sämtliche Boden- und Klimadaten in einer 10x10-Meter-Auflösung erhoben.“ (Die Datensammlungswut macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt, oxfam.de, 13.6.16)

6„2014 schloss AGCO sein erstes Datenabkommen mit DuPont, gefolgt von getrennten Abkommen mit Bayer, Monsanto und BASF im darauf folgenden Jahr. 2017 kaufte AGCO eine der wichtigsten auf Daten spezialisierten Tochtergesellschaften von Monsanto, während der Konzern sein Geschäftsfeld gleichzeitig auf landwirtschaftliche Drohnen und Joint Ventures mit einer Vielzahl von landwirtschaftlichen Daten-Start-ups ausdehnte... Die aktuelle Dynamik deutet darauf hin, dass in wenigen Jahren Fusionen zwischen den ‚Bayers‘ dieser Welt auf der einen Seite und AGCO, John Deere oder anderen Landmaschinenherstellern auf der anderen Seite die vertikale Konzentration im Agrarbereich auf eine neue Stufe heben könnten.“ (Der kritische Agrarbericht 2019, S. 88)

7„Auch von der anderen Seite der Wertschöpfungskette wird nach der Datenkontrolle gegriffen. Ein besonders beunruhigendes Beispiel ist die Übernahme in den USA von Whole Foods, der größten ökologischen Supermarktkette des Landes, durch Amazon für 13,7 Milliarden US-Dollar. Amazon steigt damit neben dem Onlinehandel mit Lebensmitteln auch in einen der Kernwachstumsmärkte im direkten Lebensmitteleinzelhandel, der Vermarktung von ökologischen Lebensmitteln, ein. Auch hier ist eines der strategischen Ziele der Übernahme durch Amazon der Zugang zu Millionen von Kundendaten sowie zu Produzentendaten. Auf Basis dieser Daten hofftder Konzern, noch besser die Kaufentscheidungen seiner Kunden vorhersagen und lenken zu können. Gleichzeitig kann Amazon diese zur Steuerung der Anbauplanung der zuliefernden Produzenten nutzen. In der Folge verlieren auch hier die Bäuerinnen und Bauern die Souveränität über ihre Anbauentscheidungen.“ (Der kritische Agrarbericht 2018, S. 113 f.) „Viel Anlegerkapital floss im ersten Halbjahr 2017 auch wieder in Gründerunternehmen der Agrarbiotechnologie mit 262 Mio. US-Dollar und in Management-Software, Sensoren und digitale Vernetzung mit 213 Mio. US-Dollar. Größter Investor über alle Bereiche der Agrartechnologie-Start-ups war Google Venture. Schwerpunkte der Finanzierungstätigkeit von Google waren Satellitenbilder, Online-Handel, geschlossene Anbausysteme sowie die Automatisierung.“ (agrarheute.com, 15.9.17)

8„Laut einem im Dokument zitierten Artikel aus der Wirtschaftswoche gelte die Landwirtschaft bei der Digitalisierung und Automatisierung als beispielhaft. Die Informationstechnologie mache etwa 30 Prozent der Wertschöpfung aus, schreiben die Autoren. In der Autoindustrie sehen sie einen Anteil von gerade einmal zehn Prozent. Und sie verweisen auf die International Federation of Robotics, nach deren Angaben landwirtschaftliche Betriebe bereits jeden vierten Serviceroboter bestellen.“ (cio.de, 18.5.18)

9„Geistiges Eigentum ist von kritischer Bedeutung für unser Geschäft, insbesondere für unsere Saatgut- und Gentechnikabteilungen. Wir sind bestrebt, unser geistiges Eigentum zu schützen in Gerichtshoheiten, in denen unsere Produkte hergestellt oder gebraucht werden, sowie in Gerichtshoheiten, in die unsere Produkte importiert werden. Manche Länder könnten unsere Rechte nur bedingt anerkennen oder sie nur befristet und mit mangelnder Konsequenz durchsetzen. In manchen wichtigen Gerichtshoheiten kann es sein, dass unser geistiges Eigentum gar nicht geschützt wird. Und auch wenn solcher Schutz gewährt wird, können unsere Konkurrenten, Bauern oder andere Glieder in der Geschäftskette unser geistiges Eigentum rechtlich anzweifeln oder auch auf eine Weise verletzen, die nur schwer festzustellen ist.“ (Monsanto Jahresbericht 2016, Item 1a: „Risks related to our business“)

10Ein Beispiel für das Zusammenspiel von Marktmacht und Staatsmacht in der weltweiten Landwirtschaft bietet der folgende Streit über Lizenzgebühren für Monsanto-Saatgut in Indien: „Zu gravierenden Spannungen innerhalb der Saatgutindustrie sorgte die Weigerung von ca. 50 indischen Unternehmern, weiterhin die volle Lizenzgebühr für das Bt-Cotton Saatgut (Bolgard II) an den Lizenzgeber Monsanto zu zahlen, der ca. 95 % des gesamten indischen Marktes für Baumwollsaatgut abdeckt. Die Regierung entschied im Dezember 2015, den Anwendungsbereich des Essential Commodities Act24 auf gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut auszudehnen. Im März 2016 machte sie hiervon erstmalig Gebrauch und legte einen Höchstabgabepreis für Bt-Cotton Saatgut fest. Im Mai 2016 spitzte sich die Lage weiter zu, als die Regierung auch in das Vertragsverhältnis zwischen Lizenznehmer und Lizenzgeber eingriff und angesichts der Monopolstellung des Lizenzgebers Monsanto Obergrenzen für Lizenzgebühren sowie eine Art Zwangslizenz zu vorgegebenen Bedingungen per Bekanntmachung einführte... Nicht nur die ausländischen Unternehmen, sondern die gesamte Saatgutbranche, die eigene Forschungsaktivitäten vorantreibt, kritisierte, dass damit jegliche Investitionen in neue Forschungsaktivitäten unterbunden würden. Fraglich ist jedoch, inwiefern große Unternehmen wie Monsanto von Lizenzgebühren für Forschungsarbeit abhängig sind. Nach mehrtägigen Auseinandersetzungen nahm die Regierung ihre Entscheidung zurück und eröffnete ein Notifizierungsverfahren, das den betroffenen Kreisen die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit den von der Regierung geplanten Maßnahmen ermöglicht. Es wurde vermutet, dass durch die Rücknahme der Entscheidung eine Belastung des Besuchs von Ministerpräsident Modi in den USA vermieden werden sollte, nachdem Monsanto zwischenzeitlich mit einem Rückzug aus Indien gedroht hatte. Das internationale Interesse an Investitionen in Indien im Allgemeinen sowie an Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Besonderen dürfte dadurch in jedem Fall gelitten haben. So argumentieren im Ergebnis auch sieben Bauernverbände in einer von mehr als 300 000 Landwirten unterzeichneten Petition. Sie fordern die Regierung auf, sämtliche Pläne über Eingriffe in Lizenzvergabe und Preisgestaltung aufzugeben, da damit die Entwicklung des Saatgutsektors und die Versorgung der Landwirtschaft mit leistungsfähigem Saatgut gehemmt würden.“ (BMEL, Länderbericht Indien, Stand 2016)

11„Der Europäische Gerichtshof hat überraschend entschieden, neue molekularbiologische Zuchtverfahren als Gentechnik zu bewerten. Diese müssen nun streng kontrolliert werden. Erbgutveränderungen, die etwa mit Hilfe der Gen-Schere CRISPR/Cas9 zustande gekommen sind, seien in jedem Fall als GVO zu regulieren. Dieser Argumentation folgt der EuGH nun.“ (Tagesspiegel, 25.7.18) Auch die deutschen Verbände drücken ihre Unzufriedenheit aus: „Die Anforderungen an die Zulassung von GVO in der EU und die hohen Kosten des Zulassungsverfahren führen in der Konsequenz dazu, dass die Agrarbranche in Deutschland vom wissenschaftlichen Fortschritt durch die Anwendung der neuen Züchtungsmethoden ausgeschlossen wird. Das führt zu einem Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu Regionen mit innovationsfreundlicheren gesetzlichen Rahmenbedingungen.“ (Verbändestellungnahme zum EuGH-Urteil zu neuen Züchtungsmethoden, 6.5.19)

©GegenStandpunkt 2-19