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Bayer kauft Monsanto-

Von der Monopolkonkurrenz in der Landwirtschaft

(ab 20.10.)

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Den Feind kennen

Zum Beispiel Bayer-Monsanto

Von der Monopolkonkurrenz in der Landwirtschaft

Anfangs herrscht die Sorge, Bayer könnte seinen guten Ruf ruinieren. Doch nach dem erfolgreichen Abschluss der Fusion mit Monsanto, dem schlecht beleumundeten amerikanischen Agrarchemiekonzern, kommt Freude über die „größte Übernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte“ auf, über den „perfekten Deal“, mit dem „Bayer den Namen Monsanto verschwinden lässt“ (FAZ, 4.6.18) und zum größten Agrarchemiekonzern der Welt aufsteigt. Nachdem dann mehrere Gerichte in den USA Monsantos Verkaufsschlager Glyphosat bescheinigen, Krebs auszulösen, der Klage eines betroffenen Hausmeisters auf eine millionenschwere Entschädigung Recht geben und damit den Kurs der Bayer-Aktie auf Talfahrt schicken, kehren die Bedenken in schärferer Form zurück: „Wird Monsanto für Bayer zum Milliardengrab?“ (dw, 20.3.19) Für den Ärger der Aktionäre über eine falsche Risikobewertung seitens des Bayer-Vorstands hat man Verständnis, setzt aber vorsichtige Hoffnung in das Können der Bayer-Anwälte, von denen man nebenbei erfährt, dass sie viel Erfahrung gesammelt haben im Umgang mit Klagen gegen unseren deutschen Chemiekonzern mit dem tadellosen Ruf... Die Anteilnahme, mit der die Profis der deutschen Öffentlichkeit das Treiben ihrer lokalen Global Players begleiten, ist rührend. Dabei wird vor lauter Sorge um den Erfolg der Transaktion deren großartiges Ziel gar nicht gewürdigt, obwohl die Chefs die allerbesten Motive haben:

Zwei der führenden Innovationsunternehmen der Agrarwirtschaft tun sich zusammen, um mit vereinten Kräften die Landwirtschaft durch bahnbrechende Innovationen zum Wohle der Landwirte, der Verbraucher und unseres Planeten zu gestalten.“ (Liam Condon, Mitglied des Bayer-Vorstands) „Vereint könnten Bayer und Monsanto noch mehr dazu beitragen, die stark wachsende Weltbevölkerung auf eine ökologisch nachhaltige Weise zu ernähren. Davon würden Verbraucher, Landwirte, aber auch die Aktionäre und Mitarbeiter beider Unternehmen profitieren.“ (Die Welt, 24.9.16)

Gut für Mutter Erde und die Menschheit, „aber auch“ fürs Geschäft – ein glücklicher Kollateralnutzen für die Agenten der guten Sache. Dass es ihnen bei der Rettung der Welt um die Eroberung des agrarischen Weltmarkts geht, sodass möglichst kein Bauer und kein Verbraucher der Welt ohne ihre Innovationen auskommen kann, bleibt dennoch kein Geheimnis. Frech ist es zwar allemal, die eigene weltweite Geschäftsoffensive derart als Menschheitsbeglückung zu feiern, aber auch nur fair: Wenn schon ihr ganzes Geschäft darauf beruht, dass die Ernährung wie alles sonst in der Marktwirtschaft von den Erfolgen konkurrenztüchtiger Firmen abhängig gemacht ist, warum sollte man diese mit staatlicher Gewalt etablierte Geschäftsgrundlage nicht auch für ein bisschen Werbung in eigener Sache nutzen? Außerdem: Unter dem Niveau der globalen Dominanz braucht sich ein menschheitsrettendes Innovationsunternehmen im Agrarbereich offenbar gar nicht mehr blicken zu lassen. Denn so mega der Merger auch sein mag, er folgt einem Trend in allen Abteilungen der Landwirtschaft, der schon seit Jahren auf Hochtouren läuft und mit der Fusion dieser zwei Agrarchemie-Monster nicht zu Ende ist. Dabei wollen die zur neuen Größe aufsteigenden Agrarmultis nicht nur mehr Geld mit ihren angestammten Produktlinien verdienen, sondern auch das gesamte wachsende Geschäft mit der Ernährung ‚digital‘ revolutionieren, es vom Feld bis zum Teller – diese Spannbreite von Geschäftsgelegenheiten nennt man vornehm ‚Wertschöpfungskette‘ – neu definieren, um es möglichst vollständig zu dominieren.

Dabei hat sich eine Sache noch nicht geändert: die Haupt- und Stammkundschaft, um die sich das Geschäft der Großen überhaupt dreht.

I. Der kleine Kunde der Großen: Der Bauer und sein Geschäft

In der kleinen Lücke zwischen den großen Players, in der die landwirtschaftliche Produktion im eigentlichen Sinne stattfindet, werkelt immer noch in der Regel ein selbständiger Bauer mit seiner Familie. Der Landwirt, wie man ihn aus den Heimatländern der fortschrittlichen Multis kennt, mag sich von seinen Kollegen in der dritten Welt in mancher Hinsicht stark unterscheiden: Er ist studiert, computeraffin, bewandert in der BWL und nagt nicht gleich am Hungertuch. Doch politökonomisch bleibt er unter seinesgleichen, Mitglied eines eigenartigen Standes: ein selbständiger und selbstarbeitender Eigentümer an Grund und Boden.1)

Eigenartig an diesen Eigentümern ist die Weise, wie sie in einem System zu Werke gehen, das nicht nur seinen Namen, sondern auch sein ganzes Wesen der kapitalistischen Verwendung von Eigentum verdankt – einem Prozess, der mit einem Stück in Geld bemessenem Vermögen anfängt und mit einem mehr davon nicht endet, sondern immer weitergeht. Zu den Kapitalisten, die so heißen, weil sie dieses systembestimmende Ziel als ihr eigenes betreiben, gehört der Bauer offensichtlich nicht: Zwar besitzt auch er Eigentum, an Grund und Boden eben; dessen Wert lässt sich auch in Geld bemessen, insoweit jedenfalls als ein Stück Geldvermögen bezeichnen. Doch der Bauer setzt sein Eigentum nicht als Kapital ein, als ein Geldvermögen mit einem Anspruch auf Vermehrung. Das unterscheidet den Bauern von den kapitalistischen Grundeigentümern, die rein die staatlich gestiftete, ausschließende Macht ihres Eigentums zu ihrer Einkommensquelle machen, indem sie es anderen Kapitalisten zur geschäftlichen oder Geldbesitzern zur sonstigen Verwendung überlassen und dafür einen Tribut fordern. Der bäuerliche Grundeigentümer macht eben nicht sein Eigentum an Grund und Boden zu seiner Geldquelle, sondern seine Arbeit daran; sein Grundeigentum ist nicht sein Kapital, sondern Gegenstand seiner Arbeit. Dass der Bauer es nötig hat, für seinen Lebensunterhalt und für den seiner Familie zu arbeiten  – d.h. nicht bloß die Sorte Arbeit zu erledigen, die mit dem Management eines Haufens Kapital einhergeht –, zeugt von einem elementaren Geldmangel, der ihn von den kapitalistischen Eigentümern unterscheidet. Diesen Mangel teilt er mit den ‚lohnabhängig Beschäftigten‘, die ein Einkommen mit ‚unselbständiger Arbeit‘ verdienen, weil sie schlicht kein Eigentum besitzen, das sie als Geldquelle einsetzen können. Von solchen lohnabhängigen Figuren, dem gesellschaftlichen Gegenpol der Kapitalisten, unterscheidet er sich wiederum durch seine Selbständigkeit, dadurch, dass er am eigenen Eigentum und auf eigene Rechnung arbeitet.

Der selbstwirtschaftende Bauer hat nicht nur einen besonderen politökonomischen Status in der kapitalistischen Gesellschaft; auch sein Produktionsprozess ist ein besonderer und hat besondere Tücken. Seine Naturverbundenheit mag man für eine moralische Stärke halten, für sein Geschäft ist sie eine empfindliche Schwäche. Sein Produktionsprozess ist mit der Eigengesetzlichkeit der Natur konfrontiert – mit dem Umstand, dass das Wachsen und Reifen von Tieren und Pflanzen ihre Zeit brauchen und auch ganz ausfallen können. Das ist nicht bloß eine Eigenart der Arbeit an der Natur, die gelegentlich für Ärger mit der Ernte sorgt, sondern reimt sich in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz, in der und wegen der sich der Bauer über die Natur hermacht, auf ein dauerhaftes Geldproblem: Denn sein Geldbedarf ist zwar kontinuierlich, hat er doch für seinen Lebensunterhalt und für seinen Betrieb dauernd Ausgaben zu tätigen, seine Geldeinkünfte stellen sich aber nur in größeren Abständen und nie verlässlich ein, eben im Rhythmus der Wachstumszyklen von Pflanzen und Tieren. Die Schwierigkeiten, die ihm dieser Umstand bereitet, nehmen in dem Maße zu, wie die Vollendung seines Produktionsprozesses und der Verkauf seines Ernte- bzw. Viehprodukts dauern. Und die Intensivierung der Arbeit – das erste und elementare Mittel, mit dem echte Kapitalisten in anderen Branchen zumindest ihre Produktionszeit verkürzen – steht dem Bauern nur sehr bedingt zur Verfügung, nämlich am vorderen und hinteren Ende des Naturprozesses, den er anschiebt und dessen Resultate er erntet. Dem Naturprozess selbst macht er dadurch keine Beine.

Diese Lage macht den selbstwirtschaftenden Bauern einerseits zu einem verzweifelten Anbieter gegenüber Händlern, die ihm die Zeit des Direktverkaufs seiner – außerdem leicht verderblichen, also unbedingt rasch zu verkaufenden – Produkte abnehmen. In den Preisen, die die Händler zu zahlen bereit sind, lassen sie den Bauern seine Notlage marktgerecht spüren. Diese Lage macht ihn andererseits zu einem umworbenen Kunden bei den Lieferanten von allerlei mechanischen und chemischen Produktionsmitteln, die er braucht, um sich und die von ihm bearbeitete Natur auf Trab zu bringen. Denn der Bauer steht vor der Notwendigkeit, mehr und sicherere Ernteerträge pro Hektar zu erzielen bzw. mehr aus seinem Viehbestand schneller herauszuholen, die anfallende Arbeit rascher zu erledigen und dabei den Qualitäts- und Mengenanforderungen der Abnehmer zu entsprechen. Dass der Einsatz solcher Mittel mehr Geld kostet, als der Bauer hat, macht ihn außerdem zu einem Kunden von Geldhändlern – allerdings zu keinem sehr gefragten. Die Geschichte der bäuerlichen ‚Genossenschaftsbanken‘ zeugt davon, dass der Ausgangspunkt des selbstarbeitenden Bauern die Bewältigung einer Notlage und nicht die Aussicht auf kapitalistische Geldvermehrung ist. Nicht zu bestreiten ist allerdings, dass die Bauern es mit viel Kredit und immer fortschrittlicheren Produktionsmitteln schaffen, mehr Ware schneller und sicherer anzubieten. Angesichts ihrer gestiegenen Kosten für die Steigerung ihrer Produktion – auch für mehr Land, mit dem sie bloß eine kostspielige Bedingung für erweitertes Produzieren erwerben – müssen sie auch mehr verkaufen und mehr verdienen. Doch gerade durch die erfolgreiche Steigerung ihres Angebots sorgen sie tendenziell für niedrigere Preise.

An genau der Stelle werden die selbstarbeitenden Bauern auf ihre entscheidende geschäftliche Schwäche gestoßen. Die liegt in ihrem Verhältnis nicht zur Natur, sondern zur Arbeit: Weil sie ihr landwirtschaftliches Geschäft in der Regel nicht per Verfügung über fremde Arbeit verrichten, fehlt ihnen die entscheidende Stellschraube, mit der echte Kapitalisten die Senkung ihrer Marktpreise zum Mittel ihrer Gewinnsteigerung machen, indem sie nämlich an der Differenz zwischen den Kosten und dem Ertrag der eingesetzten Arbeit schrauben: durch Intensivierung der Arbeit und/oder Reduzierung ihrer Bezahlung. Sie – und ihre Familien – machen eben den größten Teil der Arbeit selbst. Sie müssen also wie produzierende Kapitalisten rechnen, ohne Kapitalisten zu sein: Im Interesse ihres Einkommens müssen sie die Produktion und die Produktivität ihrer Betriebe steigern und die entsprechenden Kosten tragen, bleiben aber an entscheidender Stelle zum einzig tauglichen marktwirtschaftlichen Umgang mit der Arbeit, nämlich zur Kombination aus möglichst viel Leistung für möglichst wenig Geld, auf ihre eigene Leistungs- und Verzichtsbereitschaft beschränkt. Die mag enorm sein und macht sicher einiges wett; sie beschränkt sich aber eben auf den Umgang mit sich selbst, bleibt also kapitalistisch ungenügend.2) Ihnen bleibt nur, mit der ständigen Steigerung ihrer Produktion den dadurch sinkenden Preisen hinterherzulaufen. So zeugt das Geschäft des Bauern davon, dass es eine Sache ist, immer produktiver zu arbeiten und immer mehr Zeug auf den Markt zu werfen, aber eine ganz andere, die Produktivität der Arbeit zum Mittel kapitalistischer Bereicherung zu machen.

Gewiss: Die Landwirtschaft hat über die Jahrzehnte eine beachtliche Karriere hingelegt. Davon zeugen sowohl die einschlägigen Statistiken als auch das ganze Erscheinungsbild der Landwirtschaft, zumindest in den Heimatländern des technischen Fortschritts. Der zeigt sich deutlich an den Böden, Pflanzen und Tieren, die sie bearbeiten, sowie an der Arbeit, die sie auf dem Feld und im Stall verrichten. Die Landwirte selbst haben eine etwas andere Karriere gemacht: Weltweit scheitern sie in wachsender Zahl an den Anforderungen der Landwirtschaft im Kapitalismus – ein Phänomen, das viele Namen trägt: Höfesterben, Bauernlegen oder ‚Strukturwandel‘. Wer sich mit den Staatshaushalten in den Mutterländern der großen Agrarkonzerne befasst, kennt die verbliebenen Landwirte in allen Größenordnungen in der Regel als staatlich subventionierte Kreaturen; wer lieber Fernseher oder Radio einschaltet, bekommt das Gleiche durch die Berichterstattung mit, in der die subventionierten Bauern der ersten Welt zwar einerseits als Empfänger einer ungerechten Bevorteilung zur Sprache kommen, an der ihre Standesgenossen in der dritten Welt und – noch schlimmer: die hiesigen Steuerzahler – leiden, andererseits als ziemlich ohnmächtige Opfer des Fortschritts, die solche staatlichen Krücken eben nötig haben. Einige von ihnen haben es immerhin insofern zu ansehnlicher Größe gebracht, als sie mit ihren Familien riesige Flächen bearbeiten, auf denen sie fortschrittlichste Technik zum Einsatz bringen und beeindruckende Warenmengen auf den Weltmarkt werfen, ohne selbst in den Rang waschechter Kapitalisten aufzusteigen, die sich im marktwirtschaftlichen Sinne reich nennen könnten.

Wie Landwirtschaft trotz der Tücken der Natur marktwirtschaftlich rationell, als Mittel der kapitalistischen Bereicherung im eigentlichen Sinne geht – das führen den Bauern zunehmend die Agrarunternehmen vor, die mit einer ordentlichen Menge Kapital anrücken, das eben nicht dem bäuerlichen Produzieren, sondern einer anderen, tauglicheren Quelle entspringt: Nicht erst, aber insbesondere seit der Finanzkrise hat sich die Internationale der Kapitalanleger auf Agrarrohstoffe gestürzt und damit einen gewaltigen Anstieg der Weltmarktpreise für diverse Feldfrüchte zustande gebracht. Das macht die landwirtschaftliche Produktion zum Staunen der Börsenbeobachter zu einem attraktiven, renditeträchtigen Geschäft, auf das größere Kapitale sich dann zunehmend werfen. Diese Geschäftemacher genießen die Freiheit, ihr Kapital dann und dort anzulegen, wo staatliche Sonderkonditionen, Arbeits- und Marktpreise ihnen eine zufriedenstellende Rendite verheißen. Sie vergleichen – und das gleich global – Klima, Bodenbeschaffenheit und Pachtpreise,3) wählen die besten Flächen aus, picken sich die ertragversprechendsten cash crops heraus und kombinieren dort, wo sie es von Staats wegen dürfen,4) großen Kapitaleinsatz mit einer Form von Lohnarbeit, die für einige Sendungen ‚Weltspiegel‘ gut ist. Viele dieser neu gegründeten Multis arbeiten im Auftrag der Handelsriesen oft und gerne mit international ausgesuchtem Billigpersonal, das die Äcker mit den größten Maschinen Tag und Nacht zu konkurrenzlos niedrigen Löhnen bearbeitet.5) Solche Produzenten legen nicht nur eine haushoch überlegene Produktivität an den Tag, sondern machen den Bauern das Leben auch in anderer Hinsicht schwer: Als gern gesehene Kunden der Lieferanten fortschrittlicher Produktionsmittel und der kapitalistischen Grundeigentümer treiben sie mit ihrer kapitalkräftigen Nachfrage nach Produktionsmitteln und Land die Preise in die Höhe, die die unterlegenen Bauern für ihre Produktionsmittel und gegebenenfalls für die Pacht zu zahlen haben – und für die sie umgekehrt ihr stolzes Grundeigentum verkaufen könnten, wenn sie ihre bäuerliche Einkommensquelle aufgeben würden.

Doch es bleibt vorerst dabei: Wenn sich die Großen der Agrarindustrie auf beiden Seiten der landwirtschaftlichen Produzenten anschicken, die Landwirtschaft als ihre Geldquelle neu und besser zu bewirtschaften, dann machen sie sich nach wie vor in erster Linie über den eigenartigen, selbstwirtschaftenden Bauernstand her. Sie lassen ihn bei seinem beständigen Ringen darum, mit der Steigerung der Erntemengen und der Beschleunigung der Reifeprozesse dem Preisverfall hinterherzulaufen, den er und seinesgleichen eben dadurch herbeiführen, nicht allein. Sie überhäufen ihn vielmehr mit Angeboten – und bringen darüber gerechterweise vor allem ihr eigenes Geschäft voran.

II. Die großen Brüder des Bauern: die Agrarkonzerne und ihre Geschäftsmittel

Auf der einen Seite stehen die großkapitalistischen Abnehmer der Ernteprodukte, zusammengesetzt aus Handels- und Verarbeitungskonzernen, die es inzwischen zu einem beachtlichen Konzentrationsgrad gebracht haben.6) Sie erschließen der Bauernschaft einen Markt, heute sogar einen Weltmarkt, zu dessen Belieferung sie mangels Kapital nie imstande wäre. Sie bringen das nötige Kapital mit, um die bäuerlichen Rohprodukte zu lagern und zu marktgängigen Konsumgütern zu verarbeiten – sei es für die industrielle Verwendung oder für den Supermarkt – und in alle Welt zu transportieren. Dass bayrische Bauern ihre Milch in Pulverform bis nach China verkaufen, hängt an Größe und Masse des von solchen Konzernen eingesetzten Kapitals. Das heißt umgekehrt, dass der Weltmarkt für diese Konzerne so offen ist, dass sie den letzten Kleinbauern in Indien mit dem Agrarmulti in Brasilien und dem Ökobauern in Hintertupfing als Bezugsquellen für das eigene Geschäft mit dem Weltmarkt vergleichen. Sie greifen auf die Landwirte der Welt zu, geben mit ihren Rentabilitätszielen die Kriterien vor, an denen die Bauern sich abzuarbeiten haben: was, wie viel, in welcher Qualität und zu welchem Preis sie zu produzieren und ihr Produkt abzuliefern haben. Gute oder schlechte Naturbedingungen wie Wetter, Schädlinge, Ernte- und Reifezeiten hin oder her: der Kreislauf, in den der Bauer mit alledem eingebunden ist, ist der eines Zulieferbetriebs für Handelskapital und Industrie. Letztere machen den Markt, den sie den Bauern eröffnen. Die Dienstleistung, die sie für die Bauern erbringen, bedeutet daher umgekehrt deren Festlegung auf die Rolle von austauschbaren Lieferanten von Rohstoffen, deren Preise sie mit den Akteuren an der Börse aushandeln. Damit die Bauern die gefragten Leistungen erbringen können, greift man ihnen gerne unter die Arme – zunehmend in Gestalt von ‚contract farming‘: Man hilft ihnen bei der Beschaffung und Finanzierung der benötigten Produktionsmittel, liefert technische Assistenz, garantiert ihnen die Abnahme ihrer Produkte und verhilft ihnen zu einem höheren und stabileren Einkommen – zumindest im Prinzip. Die Erfahrungen sind eher gemischt: Von außerordentlichen ‚Machtasymmetrien‘, einseitigen Abhängigkeiten ist da die Rede, die für ‚Missbrauch‘ in puncto Abnahmepreis, Finanzierungskonditionen, ‚Lock-in-Effekten‘ und dergleichen anfällig sind, auch wenn der Missbrauch in nichts als dem Gebrauch der Marktmacht besteht, die solche Handelskonzerne als Vertreter des Markts mit oder ohne die einschlägigen ‚contracts‘ haben.

Auf der anderen Seite stehen ebenfalls starke Partner, die die Landwirte mit allem versorgen, was sie brauchen, um die Tücken der Natur zu überlisten und den Anforderungen der Marktmacher gerecht zu werden. Die Bauern können auf moderne Gerätschaften zugreifen, mit denen sie mehr, schneller und mit weniger Arbeit produzieren können und so ihre Felder und Ställe inzwischen in regelrechte ‚factory farms‘ verwandeln. Die Mühe des Vergleichens von Preis und Leistung der diversen Marken wird ihnen heute insofern weitgehend erspart, als sie es auch hier mit einer sehr überschaubaren Anzahl von Anbietern zu tun haben, auf die sie ziemlich alternativlos verpflichtet sind.7) Die Anschaffung von so viel PS für ihre Felder und ihre Ställe ist nicht nur eine Notwendigkeit, die die Bauern viel kostet, sie regelmäßig überfordert; hinzu kommt auch, dass sie zur allfälligen Wartung, Reparatur, Umrüstung und Anpassung ihrer gekauften Maschinen – eine betriebliche Notwendigkeit, bei der das Prinzip ‚Zeit ist Geld‘ waltet – heutzutage kaum noch fähig und schon gleich nicht mehr lizenziert sind: Eingriffe in die Maschinerie sind aufgrund der darin verpackten Technologie nicht ohne Weiteres möglich und durch Gewährleistungsklauseln und Herstellergarantien praktisch untersagt. Jederzeit willkommen sind dagegen Anrufe beim Kundenservice, bei dem die Bauern einen Termin in der Werkstatt des Landmaschinenhändlers ihres Vertrauens vereinbaren können. Hier lässt sich das Prinzip der Sache studieren: Auch hier ist die Befähigung der Bauern zu Glanztaten der Arbeitsproduktivität die Weise, wie sie für das Geschäftsinteresse mobilisiert werden, das sich auf ihren produktiven Bedarf richtet, um sie darunter zu subsumieren. Daran lässt sich außerdem ein Vorbote der Sorte Geschäft besichtigen, um das es in der derzeitigen ‚digitalen‘ Revolution in der Landwirtschaft geht: Hier wird den Bauern nicht bloß ein Produktionsmittel verkauft, sondern dessen Funktionieren, sodass das Produzieren auf eigene Rechnung zu einem mit allerlei Konditionen ausgestatteten, gebührenpflichtigen Prozess wird. Der läuft dann unter Aufsicht und Betreuung des Unternehmens ab, das die einschlägigen Produktionsmittel liefert. Dass das keine rein technische betriebswirtschaftlich-organisatorische Frage ist – dazu mehr in Teil III.

Auch die Agrarchemiekonzerne, darunter ganz prominent Bayer und Monsanto, halten sich mit Angeboten nicht zurück: konventionell und gentechnisch gezüchtetes Hochertragssaatgut, Dünger, Pestizide, ‚Koppelprodukte‘ mit Pestiziden und darauf abgestimmtem Saatgut, ebenfalls bei Monsanto erhältlich, etc. So vielfältig die Produktpalette, so wenig läuft der Bauer Gefahr, den Überblick über die Anbieter zu verlieren: Was gestern die ‚Big Six‘ der Sphäre waren, sind heute nach der schon erwähnten Fusionswelle die ‚Mighty Four‘: Bayer (+ Monsanto), Syngenta/ChemChina, Dow/Dupont und BASF. Die Angebote der Agrarchemie stehen mehr als alle anderen Momente der modernen Landwirtschaft für deren Industrialisierung. In der Tat sind sie dafür da und dafür gut, die Tücken der Natur zu überwinden und aus der landwirtschaftlichen Produktion einen verlässlichen Herstellungsprozess zu machen. Dass darüber die produktiver gemachten Nutzpflanzen selbst sowie der Boden Schaden nehmen, also neue Tücken geschaffen werden, gehört zwar zu den Erfahrungstatbeständen der modernen Landwirtschaft; sie ändern aber nichts an den Fortschritten bei der Überwindung der Sperrigkeit der Natur für das kapitalistische Geschäft mit ihr. Im Gegenteil: Sie sind sogar eine fruchtbare Quelle zusätzlicher Geschäfte, erstens schlicht für mehr Chemieeinsatz und zweitens für weitere ‚Hilfsstoffe‘, die eine unerwünschte Nebenwirkung oder einen Schaden wieder unschädlich machen sollen.8)

Mit dem Rückgriff auf das Saatgut solcher innovativer Konzerne erwirbt der Bauer ein Stück Naturbeherrschung, die ihm als käufliche Ware entgegentritt, aber in entscheidender Hinsicht nicht in seine Hände übergeht: Was er da kauft, ist eine produktive Leistung, die im gekauften Saatgut selbst bzw. in der Kombination von Saatgut und Agrarchemie als spezifizierte Eigenart der anzubauenden Pflanze steckt. Mit deren Einsatz macht sich der Bauer eine Leistung der von Monsanto angewandten Wissenschaft zunutze, bekommt so die Zwänge der Natur besser in den Griff; dafür bekommt er es mit einer Leistung der Staatsgewalt zu tun, die sich sein Anbieter zunutze macht: mit dessen geistigem Eigentum. Die Verwendung von Teilen der Ernte als neues Saatgut ist durch das Patentrecht geschützt, d.h. dem Bauern nur gegen Lizenzgebühren an den ‚Hersteller‘ erlaubt.9) Monsanto entwickelt auf diese Art Saatgut und ‚Koppelprodukte‘, die die Landwirte jede Saison neu kaufen müssen, sodass sie zu sehr verlässlichen Erfüllungsgehilfen der eigenen Rentabilität werden:

In den vergangenen 20 Jahren vervierfachten sich die Preise, die amerikanische Farmer für Saatgut von Mais oder Baumwolle zahlten.“ (faz.net, 25.5.16)

Gerade an diesem geschäftlichen Kniff von Monsanto lässt sich die fortschrittliche Besonderheit seines Geschäftsmodells studieren – und auch hier eine Urform der Geschäfte, auf die es im ‚digitalen Zeitalter‘ ankommt: Monsanto macht sein Geschäft mit dem Regime, das ihm die Nutzung seines geistigen Eigentums ermöglicht, also mit der Macht des Rechts über einen Produktionsprozess, den es nicht selbst betreibt, aber an entscheidender Stelle lizenziert. Ein besonders schönes Zusammenspiel von ökonomischer und rechtlicher Macht – Monsanto versteht es sogar, gerade aus den Umgehungsversuchen seiner Kunden eine stattliche Geldquelle zu machen.10)

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So stehen die umsorgten Bauern in der Landschaft: Als Abnehmer wie als Lieferanten sind sie eingeklemmt zwischen den kapitalistischen Marktmachern und Verarbeitungsindustrien, die ihnen mit den Preisen die Erlöse aus ihrer Produktion diktieren, und den Produzenten der Produktionsmittel, die ihnen die technischen Bedingungen des Produzierens vorgeben und die Preise dafür bestimmen. Von den Fortschritten der Landwirtschaft auf allen Seiten haben die ‚Landwirte‘ nichts in der Hand; auf sie fällt die Notwendigkeit, alles mitzumachen und zu bezahlen, was die kapitalistische Industrie aus ihren Berechnungen heraus veranstaltet. Dazu kommen die Kreditgeber, deren Zinsforderungen bedient sein müssen, damit die Bauern auf die Geldmittel zugreifen können, die sie brauchen, um die Rolle von bloßen Erfüllungsgehilfen ‚vor Ort‘ für einen Weltmarkt zu erfüllen, den von den Produktionsmitteln bis zur Versorgung von Menschheit und Industrie mit Agrargütern wenige global agierende Konzerne beherrschen – eben die wenigen, die dank ihrer Kapitalmasse dazu in der Lage sind.

1Siehe den Artikel Landwirtschaft im Kapitalismus in GegenStandpunkt 1-04, der die folgenden paar Abschnitte ausführlich behandelt.

2Auch wenn der Bauer im Gemüse- und Obstanbau tätig ist, also zur Aussaat und zur Ernte einen Haufen Lohnarbeiter aufs Feld schickt und sie in einer Weise ausgiebig vernutzt und schlecht bezahlt, die jeden gestandenen Kapitalisten stolz machen würde, bleibt es dabei: In seinen angeheuerten Arbeitskräften hat er nicht das Mittel zur Verwertung eines Kapitals eingekauft, sondern Kosten für eine notwendige Ergänzung seiner eigenen Arbeit aufgewandt. Freilich: Dass die Ausbeutung auf dem Feld ihren Grund und ihren Ausgangspunkt in der Notlage eines selbstarbeitenden Eigentümers und nicht in einer kapitalistischen Profitrechnung hat, kann seinen saisonalen Hilfskräften gleichgültig sein. Für sie gilt so oder so der kapitalistische Zweiklang von Großzügigkeit bei den Leistungsanforderungen und Kleinlichkeit bei der Bezahlung.

3Sie steigen in großem Stil ein, wo die Boden(nutzungs)preise konkurrenzlos niedrig sind: „Die Ukraine galt in der Vergangenheit als die Kornkammer der Sowjetunion und ist wegen ihres beträchtlichen Vorkommens von Schwarzerde als besonders fruchtbar und produktiv bekannt. Mit 32 Millionen Hektar Anbaufläche verfügt die Ukraine über doppelt so viel landwirtschaftlich nutzbare Fläche wie Deutschland. Ukrainische und ausländische Agroholdings kontrollieren bereits etwa die Hälfte des ukrainischen Agrarlandes, das sind ca. 17 Millionen Hektar... Zwar wurde ein bis zum Jahr 2012 geltendes Verkaufsmoratorium für Land in der Ukraine bis Januar 2016 verlängert, aber durch das Konstrukt des Leasings für Zeiträume bis 50 Jahre ist das ukrainische Land bei den Investoren äusserst attraktiv.“ (Deutscher Bundestag Drucksache 18/3774: Landgrabbing in der Ukraine, 19.1.15)

4Die damit einhergehende Erschließung von Feldern für kapitalistisch rationale Landwirtschaft durch die Großen läuft derzeit in den entsprechenden Kreisen unter dem kritisch gemeinten Namen ‚Land Grabbing‘, je nach Land mit unterschiedlicher Verlaufsform. Die marktwirtschaftliche Normalität der einschlägigen staatlichen Rechnung geht in der Aufregung etwas unter – erst recht, wenn die Falschen unterwegs sind. Siehe den Artikel Land grabbing in GegenStandpunkt 3-10.

5Eine andere Variante der Agrarkonzerne, fremde Arbeit einzusetzen: Der Bauer arbeitet im Verlagssystem – meist zum Hungerlohn. Dabei ist es gleich, ob der Bauer eigenes Land mitbringt und die Ernte abliefert oder als Pächter für die Konzerne das Land bebaut. Das Erpressungsverhältnis wird in unterschiedliche Vertragsformen gekleidet, die Macht liegt ganz auf der Seite der Agrarkonzerne.

6„Der weltweite Nahrungsmittelhandel läuft vor allem über vier Unternehmen, die zusammen als ‚ABCD‘ abgekürzt werden (Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus).Ihr Marktanteil beträgt siebzig Prozent.“ (FAZ, 24.12.18) Zu den größten Lebensmittelverarbeitern gehören Nestlé, InBev, PepsiCo und JBS, die über 50 % des Geschäfts auf sich konzentriert haben. Und die größten zehn Lebensmitteleinzelhändler, bei denen Walmart und Schwarz Group (Lidl) die Anführer sind, kontrollieren knapp ein Drittel des gesamten Markts.

7Allein die drei größten Agrartechnikhersteller John Deere, CNH aus den Niederlanden, Kubota aus Japan teilen sich mehr als die Hälfte des Marktes. Fast jede vierte Landmaschine kommt von John Deere. (agrarheute.com, 30.4.19)

8Da braucht es z.B. in der ‚Tankmischung‘ neben dem eigentlichen Wirkstoff noch jede Menge Beistoffe. Sogenannte ‚Safener‘ sind nötig, damit das von der Nutzpflanze mit aufgenommene Herbizid in ihr umgehend wieder ‚entgiftet‘, also abgebaut wird. Da kommen Benetzungsmittel zum Einsatz, damit das Insektizid auf der Pflanze möglichst lange haftet, auch ‚Beistoffe‘, die dafür sorgen, dass die Sonnenstrahlen die Pestizide nicht frühzeitig zersetzen. Und es muss durch entsprechende ‚Formulierung‘ dafür gesorgt werden, dass die Pestizide möglichst lange an der Bodenstruktur festgehalten werden.

9Mit dem Verkauf von ‚Hybridsaatgut‘ macht Monsanto den staatlichen Schutz seines geistigen Eigentums zunehmend überflüssig: Das Hybridsaatgut wird durch die Kreuzung zweier vorher gezüchteter und insbesondere auf Hochertrag selektierter reinerbiger Elternlinien erzeugt. Bei deren Kreuzung entsteht als erste Tochtergeneration das Hybridsaatgut mit bedeutend höherem Ertrag als dem der Elternlinien. In der zweiten Generation, also bei Wiederaussaat der Ernteprodukte, spaltet sich dieser Effekt gemäß den Mendelschen Regeln wieder auf und verliert sich. „Wenn sich der ‚illegale‘ bäuerliche Nachbau nicht auf rechtlichem Weg verhindern lässt, dann wird es eben auf biologische Weise versucht. Hybrid-Getreide lässt sich schließlich nicht sortenecht vermehren. Was bei Fremdbefruchtern wie Roggen gut funktioniert – hier beträgt der Hybrid-Anteil bereits über 75 Prozent – soll nun endlich auch beim Selbstbefruchter ‚Weizen‘ klappen. Europaweit sei Hybridweizen mit ca. 500 000 ha Anbaufläche bereits eine ‚Erfolgsgeschichte‘ und in Deutschland ein ‚Zukunftsmarkt‘ (derzeit ca. 20 000 ha), erklärte Gero Heumann von der SAATEN-UNION, der Vertriebsorganisation mittelständischer Pflanzen-Züchter.“ (ig-nachbau.de) „Während bei Mais, Sonnenblumen, Zuckerrüben und bei vielen Gemüsearten im europäischen Intensivanbau zu fast 100 Prozent Hybride verwendet werden, liegt bei Weizen der Anteil an Hybriden in der EU nur bei ein bis zwei Prozent. Weizen ist damit in den Industrieländern die letzte der drei großen Ackerbaukulturen, bei der samenfeste Sorten noch Normalität sind.“ (Der kritische Agrarbericht 2017, S. 286)

10„Monsanto verklagte in den vergangenen Jahren in den USA Hunderte von Landwirten, weil sie widerrechtlich Nachbau betrieben hätten. Nur wenige widersetzten sich und riskierten ein Gerichtsverfahren, da die Aussichten, ein solches zu gewinnen, angesichts höchstrichterlicher Rechtsprechung praktisch gegen null gehen. Der Großteil stimmte einem Vergleich zu, dessen Details nicht offengelegt werden dürfen; das Center for Food Safety schätzt, dass so bis 2013 mindestens 85 Millionen US-Dollar, möglicherweise bis zu 160 Millionen US-Dollar, an Monsanto geflossen sind. Andere Konzerne haben, wenn auch in geringerem Umfang, ebenfalls Verfahren gegen Landwirte angestrengt.“ (Der kritische Agrarbericht 2018, S. 288)