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Den Feind kennen

Jour fixe vom 19.11.18 – Fortsetzung 'Trump und Putins Russland' und Fragen zu Artikeln (GS 3-18)

II. Russland hält dagegen

Das letzte Mal wurde geklärt, dass die USA Russland mit dem "Revisionismus"-Vorwurf bestreiten, was dieses als sein Recht in der Welt beansprucht: eine gleichrangig anerkannte Weltmacht zu sein, die aus eigenem Recht mit den Machtmitteln, über die sie verfügt, gegen den Monopolanspruch der USA antritt. Im Fortgang des Artikels wird die dem entprechende Politik erklärt, die Russland gegenüber seinem Volk und gegenüber der Staatenwelt mit seiner Ökonomie auf die Tagesordnung setzt und betreibt. Russland hat die imperialistische Lektion gelernt, dass es sich den Respekt der führenden imperialistischen Mächte mit eigenen Machtmitteln sichern muss. Die Vorstellung von Jelzin, dass man mit der Aufgabe des Systemgegensatzes automatisch in der Staatenwelt willkommen ist und gleiche Rechte genießt, funktioniert im Imperialismus nicht. Russland muss mit den von der Sowjetunion geerbten Machtmitteln, bis hin zur entsprechenden Atombewaffnung, und mit dem, was es sich in den Jahrzehnten danach wieder zugelegt und modernisiert hat, selbst für das, was es an Zuständigkeit in Weltordnungsfragen wahrnehmen will, einstehen. Wie erklärt Putin seinem Volk diese Lage der Nation?

   — „Putin stimmt sein Volk darauf ein, dass ein Kampf um die Behauptung der Nation ansteht“ (Punkt II, S. 94), dass Russland hinsichtlich des technologischen Know-hows vorne dran sein muss und dafür noch viel zu tun ist: "Technologischer Rückstand und Abhängigkeiten führen zu verringerten Sicherheits- und Wirtschaftschancen und letztlich zum Verlust der staatlichen Souveränität.“ Dass Putin die Souveränität seines Landes bedroht sieht, wenn es den technologischen Fortschritt nicht bewältigen kann, wird auf S. 93 damit erklärt, dass er die „Ansage aus Washington“ verstanden hat. Das erscheint mir insofern überstrapaziert, als Putin selbst darauf verweist, sich „unter den fünf größten Volkswirtschaften der Welt“ behaupten zu wollen. Das will er nicht erst auf Basis des Wirtschaftskrieges der USA gegen Russland. Dass sich Russland als eine der Weltmächte behaupten will, ist der Ausgangspunkt der Feindschaft der USA. D.h. dass Russland in der Konkurrenz um moderne Technologien erfolgreich sein will, um seine Souveränität zu retten, und es diese wiederum dafür einsetzt, in der Wirtschaftskonkurrenz auf den vorderen Plätzen zu sein. Weshalb soll dieser zitierte Zusammenschluss eine Reaktion auf den Wirtschaftskrieg der USA gegen Russland sein? Wollen nicht alle führenden Nationen in der Konkurrenz vorne dabei sein?

Den Vergleich mit allen anderen, die auch alle vorne dran sein wollen bei der Digitalisierung, der E-Mobilisierung, der künstlichen Intelligenz usw., muss man nicht durchführen. Deutschland formuliert das vom Konkurrenzstandpunkt einer führenden Position in der Weltwirtschaft, die es zu halten und auszubauen gilt. Etwas anderes ist es, wenn Putin das zu einer Schicksalsfrage der Nation erhebt: Sich nicht ökonomisch an vorderer Stelle behaupten zu können, tangiert die staatliche Souveränität. Da wird der Bezug zum Wirtschaftskrieg der USA hergestellt, der Russland in einer Weise ökonomisch schwächt, die es als souveräne Macht treffen soll. Deshalb kommt es darauf an, dass Russland sich dafür die ökonomischen bzw. technologischen Potenzen beschaffen muss, um diesen Wirtschaftskrieg durchstehen zu können und sich als Souverän zu behaupten. Das beinhaltet den Status als Weltmacht. Insofern ist das dann auch eine durchaus zutreffende Einsicht, wenn dieser Status als Weltmacht sowohl ökonomisch als auch militärisch entsprechend ausgestattet sein will, damit er geht. Das bedeutet Technologieführerschaft in entscheidenden Branchen oder jedenfalls die Möglichkeit, über die entscheidenden technologischen Fortschritte in eigener Souveränität verfügen zu können.

Das meint er, wenn er von 'Hauptbedrohung', 'Hauptfeind' oder 'zurückfallen' spricht. Dazu zu sagen, er wolle „in der Wirtschaftskonkurrenz auf den vorderen Plätzen sein“, ist zu ungenau. Es geht nicht um vorne oder hinten.

Russland unterscheidet sich von Deutschland, das vom Standpunkt einer kapitalistisch erfolgreichen Nation bei E-Mobilität etc. vorne dran bleiben und seine Position verteidigen oder ausbauen will, grundsätzlich. Putin spricht von einer großen Herausforderung, die, wenn sie nicht bewältigt werden kann, zu Russlands Untergang führt. Er geht von einem Krisenszenario aus, beschwört angesichts dessen die hervorragenden Fähigkeiten des russischen Volkes und verbindet die Bewältigung dieser Krise mit der Souveränitätsfrage. Das Zitat sagt eben auch viel mehr als: wir wollen die technologische Herausforderung bewältigen. Es beschwört dieses Krisenszenario und so ist auch der Zusammenschluss mit den Wirtschaftssanktionen der USA gemacht. Russland sieht sich durch den Wirtschaftskrieg der USA in seiner Ökonomie und darin zugleich in seiner Souveränität geschwächt.

   — Die Sanktionen zielen auf die Zerstörung der Ökonomie und tun ihre Wirkung. Wie kommt Putin denn darauf, den technologischen Rückstand zu beklagen? Russland muss die gesamte Computertechnologie von Amerika kaufen. Produktionsmittel, die für den Produktionsfortschritt gebraucht werden, können nicht autark produziert werden. Deshalb sieht Putin die Notwendigkeit, in den technologischen Fortschritt zu investieren.

   — Es soll nicht bestritten werden, dass sich Putin den kriegerischen Attacken seitens der USA gegenübergestellt sieht und er das auch weiß. Aber es wird unterstellt, dass dieses ganze Szenarium in diesem Zitat enthalten sei.

Im Artikel wird die Frage aufgeworfen, warum Putin Wirtschaftschancen, Sicherheitschancen und die Gefahr des Verlusts der Souveränität zusammenschließt. Diese drei Sachen sieht Putin in Russland unmittelbar bedroht, wenn Russland den technologischen Fortschritt nicht hinkriegt. Warum ist deren Souveränität bedroht, wenn sie nicht unter den fünf größten Volkswirtschaften sind, sondern an 10. Stelle im Rang der Wirtschaftsmächte? Die Souveränität ist bedroht – und das wird in dem Artikel ausgeführt –, weil Russland von den USA mit einem Wirtschaftskrieg überzogen wird, der auf die Schwächung der Souveränität zielt.

   — Der technologische Rückstand hat Russland in Abhängigkeit von anderen Ländern versetzt. Das macht das Land – so Putins Analyse - in besonderer Weise durch den Angriff der amerikanischen Wirtschaftssanktionen verwundbar. Der zurückgebliebene kapitalistische Stand der Nation ist der Angriffspunkt, den Amerika sich zunutze macht. So geht der sachliche Zusammenhang zwischen dem, dass Amerika den Russen ihre ökonomischen Mittel kaputt machen will, und dem Angriff auf die russische Souveränität. Das verweist Russland auf den Stand seiner desolaten ökonomischen Mittel, weswegen Putin eine Offensive in Sachen technologischen Fortschritt starten will. Aus dem schlussfolgert der Artikel, dass er den Angriff verstanden hat.

   — Putin setzt den wirtschaftlichen Erfolg im Weltmaßstab in eins mit der Souveränität seiner Nation. Darauf kommt er, weil Russland einem Wirtschaftskrieg ausgesetzt ist, der seine Souveränität untergraben soll.

   — Dieser Zusammenschluss wird von allen Ländern in den vorderen Reihen beherrscht. Eine wirtschaftliche Durchsetzung in der internationalen Konkurrenz verschafft dem Staat Mittel zur Stärkung seiner Souveränität, die er wieder einsetzt, um in der Konkurrenz weiterhin seine Position zu verbessern.

Dass jeder Staat seine Souveränitätsmittel einsetzt, um in der Konkurrenz der Nationen zu bestehen, ist das eine und wenn er ganz vorne mitspielen will, ist das ziemlich anspruchsvoll. Aber wenn sich einer hinstellt und sagt, das müssen wir überhaupt erst mal hinkriegen, ist das etwas anders. Dieses Kampfprogramm beginnt erst mal mit dem Eingeständnis der Schwäche.

Russland ist insofern ein besonderer Fall. Es steht waffenmäßig ziemlich gut da. Zum Teil hat es noch Waffen aus früheren Beständen und es wurde weiteres Gerät angeschafft und auch weiterentwickelt. Ökonomisch dagegen hat es eher weniger zu bieten. Angesichts des Angriffs der Amerikaner begreift Putin, dass er diesen Angriff nur abwehren kann, wenn er nicht nur wie jede Nation die Wirtschaft voranbringt, sondern den technologischen Fortschritt hinkriegt. Dieser technische Fortschritt ist nicht nur Mittel des ökonomischen Erfolges, sondern betrifft auch und gerade die Entwicklung der Waffentechnik. Beides benötigt Russland, um sich als eine Macht gegen die USA zu behaupten, die in der Welt eigene Ordnungsansprüche hat.

Die Lage, die im Abschnitt I dargestellt ist, wie Russland von Amerika traktiert wird, ist der Hintergrund, vor der Putin diese Rede hält, in der er dem Volk diese Lage erläutern will. Das entsprechende Pathos ist ein Hinweis darauf, wie dramatisch er die Lage sieht. Aus dem, was er als Hauptbedrohung sieht, kann man entnehmen, was er durch die USA angegriffen sieht. Und aus dem, was er als Hauptherausforderung formuliert, kann man entnehmen, woran sich seiner Meinung nach entscheidet, dass er diesem Angriff Paroli bieten kann.

Putin weiß, dass Amerika die ökonomischen Grundlagen der russischen Souveränität zerstören will. Er schwört sein Volk darauf ein, dass sich Russland gegen diese Angriffe auf seine Souveränität zu behaupten hat, nicht nur, um überhaupt einen der vorderen Plätze auf der Welt zu erringen, sondern um seinen Weltmachtstatus zu verteidigen. Und dieser Status will eben erst noch errungen werden. Das enthält das Eingeständnis von Schwäche. Die durchschlagende Wirksamkeit der Sanktionen ist der Beleg dafür. Diese Diagnose kommt als existentielle Herausforderung daher. Russland muss sich dafür ökonomisch auf allen Ebenen fit machen. Insofern geht es nicht um den allgemeinen imperialistischen Schluss, 'wir müssen vorne sein in Sachen Wirtschaft und Technologie', sondern hier handelt es sich um eine neuartige eigentümliche Kombination von Sicherheitslage und wirtschaftlichen Fragen. Trump schließt beides zusammen und das kennzeichnet die aktuelle Weltlage, die alle Nationen, auch Europa, gegenwärtig herausfordert.

   — Auf S. 92 wird Putin zitiert mit: „An solchen Wendepunkten hat Russland immer wieder seine Fähigkeiten bewiesen, sich zu entwickeln und zu erneuern, neue Territorien zu entdecken, Städte zu bauen, den Weltraum zu erobern ...“ Das war nach dem 2. Weltkrieg, wo die SU ihr sozialistisches System gegenüber dem Westen verteidigen musste. Diese Beschwörung der Vergangenheit zeigt, in welcher Lage Putin Russland heute sieht. Der Versuch der USA sie fertigzumachen, wird als die politische Kampfansage genommen, die sie ist.

Der Ausgangspunkt dieser Rede ist die Beschwörung einer Krisensituation, die die Existenz des russischen Staates bedroht. Von daher kommt Putin darauf, sich durch die Beherrschung der modernen Technologien und Produktionstechniken ökonomisch in die Lage zu versetzen, gegen die potenten Staaten nicht nur konkurrieren, sondern sich auch als Staat behaupten zu können. Diesen Anspruch an die Nation ist die Reaktion auf den von den USA geführten Wirtschaftskrieg, den er als Programm seinem Volk präsentiert.

Dem russischen Volk ist dies bekannt, es ist durch die Medien unterrichtet über die ‚Verbrechen‘ der Amerikaner. Die Bedrohung der Nation wird als Schicksalsfrage angesprochen, bis hin dazu, 'dass unsere Kinder keine Zukunft mehr haben, wenn wir das nicht bewältigen', und im gleichen Atemzug wird das Volk von Putin dazu beglückwünscht, dass es dank seiner hervorragenden Tugenden solche existentiellen Krisen in seiner tausendjährigen Geschichte stets bewältigt hat. Von daher kann es frohen Mutes sein, dass es diesmal unter Putins Führung wieder klappt. Putin hat sehr genau verstanden, worauf der amerikanische Angriff zielt und was Russland unbedingt hinbekommen muss, wenn es standhalten will: in den entscheidenden technologischen Feldern, an denen der ökonomische Erfolg genauso hängt wie die Frage, ob man auch in Zukunft eine Bewaffnung hat, mit der man der Feindschaft Amerikas etwas entgegensetzen kann. Darauf, was es dafür braucht, wird die Nation durchgemustert.

*

Im nächsten Punkt wird auf eine weitere Besonderheit in der Rede an die Nation hingewiesen: Putin macht den Staat für den (schlechten) Zustand des russischen Volkes verantwortlich.

   — Er macht den Staat dafür haftbar, dass in dieser Krisenlage die Einheit des Volkes, das Material, auf dem der russische Anspruch in der Welt basiert, gefährdet ist, weil 1. die wissenschaftlich-technische Intelligenz abwandert und weil 2. der Westen versucht, die Wirkungen der Sanktionen auf die Lebensumstände in Russland dafür zu benutzen, das russische Volk der Staatsführung abspenstig zu machen.

Russland ist in der elementaren Grundlage jeder Nation, seinem Volk, angegriffen, wenn produktive Teile davon abgeworben werden und der Rest gegen die Herrschaft aufgewiegelt wird.

   — Der Unterschied zu Macron, der gegen die Versorgungsmentalität der armen Leute vorgeht, damit die Klassengesellschaft wieder vermehrt Mittel für den Staat schafft, liegt darin, dass Putin den Staat dafür in die Pflicht nimmt, die materielle Lage der Leute zu verbessern, er sieht es  als  vorrangige Aufgabe des Staates, aus dem Volk eine taugliche Arbeiterklasse zu machen.

Damit kündigt Putin nicht nur an, sein Volk für die Bewältigung der Krise in die Pflicht nehmen zu wollen, er stellt ihm gleichzeitig eine Perspektive in Aussicht. Weil es ihm um die imperialistische Selbstbehauptung Russlands geht, kommt er angesichts der Krisenlage der Nation zu dem Schluss, dass Verbesserungen der materiellen Lebensumstände seines Volkes dafür unerlässlich sind.

Der Abschnitt, der sich auf die Gegensanktionen Russlands bezieht, erläutert, dass die USA in diesem Wirtschaftskrieg viele wirkungsvolle Angriffspunkte gegen Russland haben, Russland andererseits in seiner Ökonomie über keine tauglichen Hebel zur Schädigung Amerikas verfügt, dass vielmehr alle Ansatzpunkte, wenn sie zum Einsatz kämen, Russland schaden und die USA zu nichts nötigen würden. Deshalb muss Russland in der eigenen Nation Vorsorge treffen, dass es die Angriffe aushalten kann, die Nation also so umgestalten, dass sie weniger Angriffsflächen bietet.

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Im nächsten Punkt wird ausgeführt, wie umfassend dieses Programm ist und wie wenig die russische Ökonomie bisher dafür taugt. Putin präsentiert in der Aufzählung dessen, was er für die Entwicklung der Nation als notwendig erachtet, - von der Erneuerung der Infrastruktur, der Entwicklung abgehängter Landesteile, dem Ausbau von Technologie und Forschung bis zur Beseitigung ökonomischer Abhängigkeiten vom Ausland, die der „Transformation“ geschuldet sind - eine Bilanz der nationalen Defizite im Vergleich mit den potenten imperialistischen Nationen. Das ist sein (positives) Programm.

   — Die Aufzählung der erforderlichen Maßnahmen (die nötig sind, um die Schläge Amerikas aushalten zu können) steht im krassen Gegensatz zu den Mitteln, über die Russland verfügt. Die Projekte stehen im Widerspruch zueinander: Der Haushalt soll einerseits den Rubel beglaubigen, andererseits die Lebensumstände des Volkes verbessern. Um die Ökonomie voranzubringen, muss Russland sich in die Abhängigkeit von chinesischen Krediten begeben.

Die wechselseitigen Beschränkungen der Vorhaben zeigen sich am Staatshaushalt, es ist ein Notprogramm, d.h. aber nicht, dass die Vorhaben deswegen aufgegeben werden. Es ist ein Staats-Programm des „Dagegenhaltens“ und es bleibt nicht auf der Ebene des Wünschens, sondern wird in Angriff genommen.

Die umfassenden nationalen Defizite basieren darauf, dass „eine auf die Herstellung von Gebrauchswerten verpflichtete und fast autarke Nationalökonomie unter die Direktive rentablen Produzierens gestellt“ und „gleichzeitig der Konkurrenz der weltmarkttüchtigen Kapitale ausgesetzt“ wurde (S. 97), dass Produktionskapazitäten wegen der Herstellung rentabler Produktionsstätten vernichtet wurden und Russland auf Partizipation am Weltmarkt gesetzt hat, um seine Ökonomie voranzubringen. An die Stelle nationaler Produktionszweige und technologischer Potenzen sind Importe getreten, es sind materielle Abhängigkeiten entstanden. Die hochgepriesene internationale Arbeitsteilung wird jetzt gegen Russland so in Anschlag gebracht, dass ihm über das Sanktionsregime notwendige Mittel vorenthalten werden. Deshalb beginnt man mit Importsubstitutionen und der Reindustrialisierung des Landes. Die ökonomische Potenz, die Russland schon mal hatte, muss neu aufgebaut werden und zwar in Eigenregie, weil „auf den Westen … kein Verlass“ ist.

   — Putin nennt als Staatsaufgaben, Infrastruktur, Sozialstaat, Wachstum, Kredit, (der nur aus dem Ausland zu haben ist) und bezieht darauf das geplante Rettungsprogramm.

   — Für diese Notwendigkeiten des Aufbauprogramms fehlen aber die Mittel. Russland kann Rohstoffe verkaufen und sich um ausländische Kredite bemühen. Mehr Mittel hat es nicht.

Es wird nicht nur gesagt, dass die Mittel begrenzt sind, sondern auch, dass die Ökonomie vorangebracht werden soll und dass dies eine Riesenherausforderung für die Finanzkraft des russischen Staates darstellt.  Was das heißt, wird im nächsten Punkt ausgeführt: Worum bemüht sich Russland?  Reindustrialisierung, Wiederaufbau, ökonomische Ertüchtigung der Nation sollen Wachstum erzeugen und verursachen erstmal nur Kosten. Russland kümmert sich um die Erfüllung der Kriterien eines soliden Geldes, seine Zahlungsfähigkeit, die internationale Kreditwürdigkeit, die Werthaltigkeit der nationalen Währung. Das hat einen Sparhaushalt zur Konsequenz mit der Erhöhung des Rentenalters als zentraler Maßnahme, was hierzulande genüsslich breitgetreten wurde. Der anvisierte große Aufbruch wird zum Notprogramm und den Zwängen des Staatshaushaltes untergeordnet, die dem Staat von außen aufgemacht werden. Die „Erfolge“, die Russland im Wirtschaftskrieg gegen die USA erreicht, sind zweischneidig: Importsubstitutionen sind erst mal weniger produktiv als Importe, die ja gerade deshalb stattfinden, weil im Inland die Produktivität in diesem Sektor niedriger ist. Dadurch entstehen höhere Kosten und der Staat muss seinen Firmen zusätzliche Kredite bereitstellen. Wenn Auslandsschulden abgebaut werden, verringert dies zwar die Abhängigkeit von ausländischem Kredit, aber man verzichtet auf das Geschäftsmittel, das auf dem Weltmarkt erfolgreich ist. Weil international erfolgreiche Geschäfte mit Dollarkredit finanziert werden und vom Finanzkapital abhängig sind, sind die US-Sanktionen wirkungsvoll. Wenn Russland die Auslandsverschuldung abbaut, verringert es zwar die Abhängigkeit von ausländischem Kredit, die Verschuldung in der eigenen Nation, die das Problem lösen soll, ist allerdings kein Zeichen von Wachstum, sondern ein Notprogramm.

   — Der russische Staat hat sich und seine Gesellschaft in diese Lage hinein manövriert, dadurch dass wegen der Herstellung von rentabler Produktion deindustrialisiert wurde und in der Folge über die notwendigen Importe Abhängigkeiten etabliert wurden. Angesichts dessen, dass die USA Russland den erreichten Status bestreiten, kämpft es jetzt darum, diesen Weltmarkt für sich und seinen Einfluss auf die Staatenwelt zu benutzen. Der Artikel zählt nicht die Schwierigkeiten auf, auf die Putin jetzt stößt, sondern verweist auf das Programm, das da ansteht.

   — Es ist schon eine Aufzählung der Notwendigkeiten, derentwegen die vorhandenen Mittel so schwach sind. Weil die „Transformation“, also die Ruinierung der sowjetischen Ökonomie so gut gelungen ist, hat Russland jetzt die Schwierigkeit, dass ihm die Mittel für sein nationales Aufbruchsprogramm fehlen. Die Transformation hatte den Niedergang zur Folge, die Teilnahme am Weltmarkt schuf Abhängigkeiten (Importe, Kredit). Das sind Gründe dafür – neben dem Sanktionsprogramm der USA –, weshalb die Mittel nicht zur Verfügung stehen.

   — Russland will sich weiterhin an den Kriterien des Geldes bewähren, es will weiterhin den Weltmarkt benutzen, von dem Amerika Russland ausschließen will. Es setzt auf Kapitalismus als Erfolgsweg und leitet daraus das Programm ab, mit dem es diesen Zweck erreichen will. Daraus werden die Staatsaufgaben abgeleitet, für die dann die Mittel nicht ausreichen.

Als Reaktion auf die Sanktionen erweist sich das Vorhaben erstens als ein Notprogramm zur Abwehr von Schädigungen: Als Mittel werden Importsubstitutionen in Anschlag gebracht und versucht, von Dollargeschäften unabhängig zu werden, indem man Dollarpapiere abstößt und dafür Gold eintauscht. Zweitens hat Russland weiterhin den Anspruch, am Weltmarkt teilzunehmen und dafür will es seine Ökonomie ertüchtigen. Zu dem Zweck, sich aus der Weltwirtschaft Reichtum zu beschaffen, gehört dann, dass man Rohstoffe auf dem Weltmarkt verkauft, sich von China kreditieren lässt, europäische Investoren einlädt etc. Die eine Seite ist die nach innen gerichtete Bemühung, das Notprogramm, mit dem man sich gegen Schädigungen von außen immunisieren und die Abhängigkeit, in der man sich befindet, beseitigen will. Die andere Seite ist, sich genau damit die Voraussetzung für die weitere Teilnahme an der Weltwirtschaft verschaffen zu wollen.

   — Russland will den Weltmarkt weiterhin benutzen, aber nicht mehr wie bisher, sondern am Dollar vorbei. Das Bekenntnis zu einer multipolaren Weltordnung (Beispiel: Erdölgeschäfte mit den Chinesen werden in Yuan abgerechnet) zielt darauf ab, mit anderen Staaten Geschäfte zu machen, ohne den Dollar zu benutzen, sich von ihm unabhängig zu machen, und insofern die Beschädigung durch diese Waffe weniger wirksam werden zu lassen.

   — Das versucht Putin, aber alle Maßnahmen stehen unter dem Verdikt, dass der Dollar das Reglement bestimmt. Europäische Staaten sind durchaus an Geschäften mit Russland interessiert, aber wenn sie sich entscheiden müssen, dann sind ihnen die Dollargeschäfte in den USA wichtiger.

Russland will nicht mehr so wie bisher an der Weltwirtschaft partizipieren oder positiv ausgedrückt: Es will neue Formen der internationalen ökonomischen Zusammenarbeit stiften, von denen es profitiert. Von daher kommt die Idee der Zusammenarbeit mit Staaten, die ihrerseits mit den USA im Streit liegen oder von Sanktionen betroffen sind.  Bei diesem Versuch zeigt sich der Widerspruch, der in Form der Dominanz des US-Dollars immer wieder dem Zweck in die Quere kommt.

   — Es fehlt noch ein Zwischenargument: Wenn Russland mit China oder den Europäern Wirtschaftsbeziehungen eingeht, begibt es sich in die Abhängigkeit dieser Nationen, es macht sich zum Mittel des Wachstums dort. Im nächsten Schritt kommen dann die USA und verlangen von den Europäern, dass sie sich gefälligst an die Sanktionen halten, worauf dann die entsprechenden Firmen reagieren.

Das Bemühen um Bündnisse hat seinen Preis: Viele Staaten sind vom Dollarimperialismus betroffen und Putin erhält viel Zustimmung, wenn er das US-Monopol als unzulässig kritisiert. Das heißt aber nicht, dass er dadurch Verbündete für einen Kampf dagegen hat. Die Kalkulationen unter dem Sanktionsregime, dass Geschäfte mit Amerika allemal wichtiger sind als Geschäfte mit Russland, gelten auch für Staaten, deren Geschäftsinteressen durch die Sanktionen gegen Russland massiv geschädigt werden. Neben einigen von Amerika geschädigten ökonomisch unbedeutenden Staaten ist der einzig potente Partner China. Das heißt aber nicht, dass man gemeinsame Sache gegen die USA macht, sondern beide Länder konkurrieren gegeneinander. Russland wird zum Rohstofflieferanten Chinas und ist abhängig von chinesischem Kredit. Wenn Russland Waffengeschäfte mit China abschließt, besteht China auf der Herausgabe der Lizenzen und der Technologie, um künftig selbst eine derartige Produktion aufzubauen. Wenn Russland sich in das Seidenstraßenprojekt integrieren lässt, wodurch ein großer Teil des bisherigen russischen Einflussgebiets von China besetzt wird, dann ist Zentralasien von chinesischen Krediten abhängig.