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aktuelles Thema:

 Fachkräftemangel:

Das Unwort des Jahres

 

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(sommerpause)

 

 

 

Fachkräftemangel: Das Unwort des Jahres

 

Fachkräftemangel 7: Ein universeller Berufungstitel

Wenn der BDA in seiner Broschüre über „Handlungsempfehlungen zur Fachkräftesicherung“ fordert: „Arbeitszeitvolumen und -verteilung optimieren ... Innerbetrieblichen Spielraum erweitern – Wochenarbeitszeiten Vollzeitbeschäftigter verlängern ... Flexible Arbeitszeitmodelle zur Verlängerung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten nutzen ... Lebensarbeitszeit verlängern ... Früheren Einstieg ins Erwerbsleben ermöglichen ...“, dann fällt schon auf, dass das in Bezug auf die notwendigen Freiheiten im betrieblichen Umgang mit der Arbeitskraft Verlangte ununterscheidbar von dem ist, was die Unternehmen schon immer ausgiebig machen, was Staat und Gewerkschaft ihnen nach ihrem Dafürhalten aber schon immer allzu schwer machen und gefälligst erleichtern sollen: mehr und flexiblere Anwendung ihrer Arbeitskräfte für weniger Geld.

Wenn die aktuelle Forderung der IG Metall nach einem Lohnausgleich für temporär reduzierte Arbeitszeiten als „eine Stilllegeprämie für Fachkräfte“ verworfenund die Forderung der IG Bau nach Berücksichtigung der Anfahrtszeit zur Baustelle als „das größte Fachkräfteabbauprogramm seit der Rente mit 63“ zurückgewiesen wird, danndrängt sich der Verdacht auf, dass die Beschwörung des ‚Fachkräftemangels‘ ein wohlfeiler Titel für die Zurückweisung – egal welcher – gewerkschaftlicher Forderungen in Sachen Lohn und Arbeitsbedingungen ist.

Wenn unternehmernahe Experten unter dem schönen Titel „Beschäftigungsrekord mit Schönheitsfehler“ die neue Bundesregierung angesichts des drohenden Personalmangels eindringlich daran erinnern: „Unternehmen sollten die Möglichkeit haben, die Beschäftigung rasch an die Auftragslage anzupassen. Zeitarbeit und sachgrundlose Befristung sind dabei wichtige Instrumente“ (FAZ, 3.1.18), dann darf man sich schon wundern, dass die auftragsspitzengemäße Befristung der Beschäftigung von Leuten ein Mittel sein soll, ihre Knappheit zu überwinden.

Aber der Forderungskatalog der Unternehmer reicht ohnehin weiter. Der BDA jedenfalls lässt nichts und niemanden aus, mahnt sogar soziale Leistungen an, wenn es um die Verfügbarkeit von Arbeitskraft als unternehmerische Manövriermasse geht – von der Wiege bis zur Bahre und gefälligst ohne „unnötige Zeitverluste“ und „Fehlanreize“:

So kann eine frühzeitige und systematische individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen Klassenwiederholungen vermeiden und ihre Grundbildung und Ausbildungsreife sichern. Zudem trägt eine systematische und fundierte Berufs- und Studienorientierung dazu bei, die Zahl der Ausbildungs- oder Studienabbrüche zu verringern bzw. einen Wechsel des Ausbildungsberufs oder Studienfachs zu vermeiden... Körperlich und geistig ist die überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen zu einer ‚Rente mit 67‘ in der Lage... Die ‚Rente mit 67‘ muss konsequent umgesetzt werden und darf nicht durch letztlich kontraproduktive und sogar ungerechte Ausnahme­­regelungen durchlöchert werden... Maßnahmen des strategischen Gesundheitsmanagements können dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit der Be­­schäftigten über die gesamte Erwerbsbiografie zu erhalten... Damit Beschäftigte Familie und Beruf erfolgreich vereinbaren können, muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen... Das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der Krankenversicherung, aber auch die Hinter­­bliebenenversorgung und auch das umstrittene Betreuungsgeld setzen Anreize, dass ein Ehepartner nicht oder nur geringfügig berufstätig ist... Die Potenziale von Menschen mit Behinderung müssen noch deutlich besser erschlossen werden.“ (Handlungsempfehlungen, BDA)

Fachkräftemangel‘ ist also das neueste Modewort im Arsenal der Klagen und wirtschaftlichen Problemdefinitionen, mit denen die Unternehmer ihre An­­sprüche an Gewerkschaft und Staat zustimmungsheischend vortragen – gemäß der immergleichen Logik, dass, weil das nationale Arbeitsvolk vom Erfolg ihrer Privatgeschäfte abhängig ist und der Staat an nationalem Wachstum und lohnender Beschäftigung interessiert ist, deswegen auch Politik und Arbeitervertretung das Arbeitsvolk dem Privatgeschäft bedingungslos verfügbar zu machen und dem Umgang mit den Arbeitskräften gemäß unternehmerischer Rentabilitätsrechnung alle Freiheiten zu garantieren haben. Bei der öffentlichen Präsentation ihres Forderungskatalogs zur Beseitigung des konstatierten ‚Missstands‘ berufen sie sich auf die allgemeine Einsicht, dass es das Problem aller anderen ist, wenn ‚die Wirtschaft‘ eines hat, die also zu Recht alles einfordert, was es zu dessen Überwindung braucht.

Fachkräftemangel 8: Ein nationales Problem und seine nationale Lösung

Die Forderungen der Wirtschaft bleiben nicht ungehört. Bundesregierungen nehmen sich der Sache seit geraumer Zeit mit einem umfassenden „Fachkräftekonzept“ an, „dem Leitgedanken folgend, dass zur Fachkräftesicherung alle Erwerbspotenziale bestmöglich auszuschöpfen sind“. Und für wen tun sie das alles? Für uns alle: „Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir ge­­meinsam dafür sorgen, dass auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft die Fachkräfte sind, die wir für einen starken Wirtschaftsstandort Deutschland dringend brauchen.“ Schon erstaunlich, diese Doppelrolle: „Wir“ sind gleichzeitig die, die diese Erwerbspotenziale dringend brauchen, und die, die als diese Erwerbspotenziale noch besser herzurichten sind. Auch in der Rekordzahl von 45 Millionen Beschäftigten leben die Deutschen noch immer nicht in ausreichendem Umfang von ihrem Dienst am deutschen Wachstum, noch immer laufen ungenutzte Ressourcen zur Bewältigung des Fachkräftemangels frei herum, auch wenn die Bundesregierung sich in ihrem Fortschrittsbericht ganz zufrieden zeigt mit der Erschließung des nationalen Potentials von vor allem „55- bis 64-jährigen“ und der „für die Fachkräftesicherung so wichtigen Entwicklung der Frauenerwerbsquote“.

Fachkräftemangel 9: Die internationale Lösung – die ganze Welt als Arbeitskräftereservoir für deutsche Wachstumsbedürfnisse

Die großkoalitionären Sondierer einigen sich mühelos darauf, das voranzutreiben, was die vorherigen Bundesregierungen längst betrieben haben – nämlich dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen hierzulande auf ein global rekrutiertes Reservoir an Arbeitskräften zugreifen können. Streit gibt es allerdings über den Namen:

In einem ‚Fachkräftezuwanderungsgesetz‘ (CDU-Vorschlag) oder ‚Einwanderungsgesetz‘ (SPD-Vorschlag) solle die Fachkräftestrategie auf drei Säulen ruhen, ‚einer inländischen, einer innereuropäischen und einer internationalen‘.“ (FAZ, 10.1.18)

Die CDU bedient mit Verweis auf das nationale Fachkräfteproblem die national-heimatlich gesonnenen Gemüter ihrer Anhängerschaft: Mit der CDU findet Zuwanderung wirklich nur dann statt, wenn sie absolut fraglos Deutschland nützt, wenn sie nämlich die Verfügbarkeit kostengünstiger Arbeitskraft von allen Schranken befreit, die die Nation mit ihrer schrumpfenden Bevölkerung diesem Bedarf setzen könnte. Die SPD gibt demselben Programm die Note endlich ordentlich geregelter, weltoffener Zuwanderungspolitik.

Fachkräftemangel 10: Seine Bewältigung – eine ewig unerledigte Aufgabe!

Die Debatte um den Fachkräftemangel gehört so unveränderlich zum erfolgreichen nationalen Geschäftsgang dazu, dass der GegenStandpunkt bereits in Heft 3-2011 alles Nötige dazu hat aufschreiben können. Deutschland mag noch so gut dastehen mit seinem vollbeschäftigten Volk, Zufriedenheit will sich einfach nicht abschließend einstellen. Die FAZ klärt auf, warum hinter jeder Er­­folgsbilanz eine „unsichtbare Gefahr“ (FAZ, 31.8.17) lauert:

In abstrakter arbeitsmarktpolitischer Fachsprache lässt sich das so zusammenfassen: Es wurden viele ‚in- und ausländische Potenziale mobilisiert‘. Wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisch entscheidende Fragen sind damit allerdings noch nicht beantwortet: Wie werden aufstrebende Unternehmen, die etwa in Thüringen oder im Emsland innovative Produkte entwickeln wollen, erfolgreich und wie finden sie das genau dafür benötigte Personal? Wenn etwa heute mehr Frauen berufstätig sind und eigenes Einkommen erzielen, gibt es darüber nichts zu klagen. Wenn ihnen der derzeitige Konjunkturaufschwung diese Entscheidung erleichtert hat, gilt das erst recht. Nur ist das eine unzureichende Antwort auf die Frage, ob die genannten Unternehmen zu­­kunftsfähig bleiben oder werden.“

Dafür steht die ständige Beschwörung eines ‚Fachkräftemangels‘ also auch noch: Der Faktor Arbeit wird dafür haftbar gemacht, dass seine Anwender mit „innovativen Produkten“ in der harten Welt ihrer Konkurrenz „erfolgreich“ sind! Für die Bewahrung oder gar Erzeugung der ‚Zukunftsfähigkeit‘ ihrer Ar­­beitgeber, sind die Arbeitskräfte gefordert:

Ein wesentliches Element der Fachkräftepolitik ist indes schlicht Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. Die Digitalisierung sorgt für einen breiten Strukturwandel: Hier fallen alte Tätigkeiten weg, dort entstehen neue – die davon negativ Betroffenenmüssen möglichst leicht den Weg in neue Tätigkeitsfelder finden können. Eine solche Politik der Flexibilität ist die Regierung in dieser Wahlperiode schuldig geblieben.“

So meldet die FAZ stellvertretend für die nationale Unternehmerschaft unter dem Stichwort ‚Fachkräftemangel‘ beim Staat den Anspruch an, dass die ‚betroffene‘ Unternehmerschaft ein Anrecht auf optimale Ausbeutungsbedingungen hat, auf solche nämlich, die ihr die Durchsetzung in der Konkurrenz, also gelungene Ausbeutung garantieren.

© GegenStandpunkt 1-18