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Jour fix vom 03.12.12

 

Arbeit und Reichtum
   — Im Artikel steht: Die Bestimmung ist, dass Arbeit stattfindet, weil und damit sie Geld bringt. Dann kommt der schwierige Gedanke: 'Diese ökonomische Zielsetzung … ist offenkundig von der Art, dass sie mit sich selbst in Widerspruch gerät.' Den sollte man noch genauer erläutern.
   — Wenn klar ist, dass Arbeit stattfindet, um Geld herzustellen, ist der Gedankenschluss: viel Arbeit ist viel Geld. Es gibt aber den Widerspruch, dass die Arbeit gar nicht in dem Ausmaß angewendet wird, wie sie zur Verfügung stünde, und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem sie angewendet wird. Das ist der Widerspruch. Dass sie nicht angewendet wird, wenn sie kein Geld produziert.
   — Der Gedanke steht im Vorwort zum Artikel, weist hin auf das, was da alles auffällt. Er verlässt sich auf das, was die Leute kennen bei Arbeit und Geldverdienen. Irgendwie weiß da auch jeder: kommt der Prozess in Schwung, schon stolpert er über sich selbst. Der Sache nach ist es der Vorgriff auf das, was als Krise hinterher erklärt wird. Aber hier ist es erst einmal nur als Hinweis gedacht: Wo liegt die Notwendigkeit im Umgang mit der Arbeit, die dieses Prinzip verfolgt, dass am Schluss sogar das Gegenteil rauskommt?
   — Ein Merker ist ja da schon drin, wenn vom Widerspruch die Rede ist. Da hat man auf der einen Seite: Arbeit findet statt, weil sie Geldertrag bringt. Was ist die widersprüchliche Seite daran, kaum wird Arbeit angewandt? Offensichtlich gibt es etwas, was nicht an der Arbeit liegt, eben die ökonomische Zielsetzung, immer mehr Geld. Genau an dem Prinzip, wofür Arbeit ständig aufgewendet wird, muss das Problem liegen. Eine Arbeit wird angewendet heißt doch, sie bringt Geld, und je mehr sie angewendet wird, desto mehr.
   — Nur darüber wird es ein Widerspruch. Wenn ich sage, es kommt darauf an, dass Arbeit Wert schafft, dann ist ja alles in Ordnung, wenn sie Wert schafft. Woher kommt der Artikel darauf zu sagen, sie muss immer mehr Wert schaffen? Dann kollidiert es in der Tat, dann ist nämlich der alte Wert daran blamiert, dass er nicht mehr Wert ist.
Man sollte diesen Abschnitt ins Verhältnis setzen zu dem ersten, der anscheinend akzeptiert ist. Wogegen richten sich diese ersten Andeutungen und Behauptungen, die ja gar nicht nur Andeutungen sind, sondern wozu gleichzeitig gesagt wird, damit verrät man nichts Neues? Warum stehen diese Aussagen vor dem Artikel? Das Phänomen ist jedem bekannt. Es gibt aber auch eine Interpretation dieses allen bekannten Phänomens. Die heißt (im ersten Abschnitt): das ist ein soziales Problem, das daran liegt, dass Arbeit rentabel sein muss. Aber wenn das so klar ist, wird gesagt, dann soll man sich auch mal überlegen, was steckt darin? Das ist die Hinführung dazu, sich mit dem ökonomischen Zusammenhang  zu beschäftigen.
Die Leute kennen das Problem ja nicht nur, sondern sie haben auch die theoretische Stellung dazu: Dieses (schlimme) Problem sollte bewältigt werden; und dann werden alle möglichen Maßnahmen zur Bekämpfung (Lohnverzicht etc.) vorgeschlagen. Was enthält aber schon diese allgemein als selbstverständlich genommene Forderung, dass Arbeit rentabel sein muss?
   — Wenn man den Zustand, dass Leute keine Arbeit haben, als soziales Problem betrachtet, dann ist man in einer anderen Abteilung. Dann betrachtet man das vom Standpunkt des Gemeinwesens her, nicht von dem, dass einer nichts zu beißen hat.
   — Auch wenn man es ganz praktisch vom Standpunkt der Betroffenen aus betrachtet, liegt man schief. Das ist nicht das Entscheidende, ob die Arbeitslosen ein Problem sind für die Gemeinschaft (viel kosten, zur Last fallen), oder ob man ein soziales Problem vom Standpunkt der Betroffenen aus betrachtet und sich fragt: Was können sie tun, was kann man für sie tun? So oder so liegt es daneben,
   — Der Begriff ‚soziales Problem’ lebt von der Vorstellung, dass die kapitalistische Arbeitsteilung letztendlich mit all ihren Notwendigkeiten für die Leute eingerichtet sei. Dass man am Arbeitsplatz schöne Produkte herstellt und darüber ein Einkommen nach Hause bringt. Das ist doch das Verkehrte, wenn man von einem sozialen Problem spricht.
   — Jedenfalls wird die Notwendigkeit, die behauptet wird, mit 'sozialem Problem' gerade geleugnet.
Der Hinweis ist noch ein anderer: Was da als Selbstverständlichkeit unterstellt ist – jeder braucht Arbeit – ist gar keine. Dass auch der, der keine hat, eine braucht, ist doch grade keine Selbstverständlichkeit (schließlich hat er ja keine)! Oder auch, dass es zuwenig Arbeitsmöglichkeiten gibt. Soziales Problem von wegen! Was ist da unterstellt: 1. dass jeder auf Arbeit angewiesen ist, 2. dass möglichst viel gearbeitet werden soll und 3. das von immer weniger Arbeitern. Das ist eben kein soziales Problem, sondern ein ökonomisches.
Wenn einem bei sozialem Problem einfällt, dass das gleich vom Standpunkt des politischen Verwalters aus gedacht ist usw, dann mag das richtig sein, nimmt aber den unmittelbaren Widerspruch nicht zur Kenntnis. Wenn man über Arbeit als soziales Problem redet (selbst, wenn man den Standpunkt des Betroffenen betont), wird ausgeblendet, dass man über etwas Ökonomisches redet: Wie wird der Reichtum produziert? Es betrifft dieses Feld, das man einerseits damit benennt, dem man aber andererseits nicht weiter nachgeht, sondern statt des ökonomischen Grundes die davon getrennten sozialen Wirkungen bespricht. Statt festzustellen, was ist da los. 1. Ist es absurd, dass man Arbeit braucht. 2. Stimmt denn dann: Arbeit zu haben, das ist es? Das weiß auch jeder, Arbeit zu haben, ist nicht das Ende der Probleme.
   — Es gibt den Arbeitsplatz nur dann, wenn er rentabel ist. Das halten alle für eine Selbstverständlichkeit, aber nur als Bedingung, um die es letztendlich nicht geht, sondern die eben notwendig ist, damit die Leute zu etwas kommen. Da ist es wichtig, dass man darauf hinweist: Wenn das die Bedingung ist – ohne die auch der, der eine braucht, keine Arbeit bekommt –, wird es wohl darum gehen.
   — Wenn Arbeitslosigkeit als soziales Problem gilt, dann ist der erste und einfachste Hinweis: Es ist doch eine feine Sache, wenn dieselben Güter mit weniger Arbeit hergestellt werden. Warum gilt das nicht, dass weniger Arbeit auch weniger Mühsal ist?
Und dann macht der Artikel weiter und redet über Ökonomie. Dann soll man sich der auch widmen. Und wenn jeder das zumindest als Bedingung kennt: 'Arbeit, aber rentabel muss sie sein' – was spricht man eigentlich aus, wenn man sagt, an der Bedingung hängt es?
In diversen Talk-Shows hat das Thema die letzte Zeit Konjunktur gehabt. Die reden über Jugendarbeitslosigkeit, Rentner, weg brechenden Mittelstand. Das neueste Beispiel, der Bericht der Regierung über Armut und Reichtum, klingt ähnlich wie unser Thema, ist aber total was anders. Was ist der Unterschied, ob man über 'Armut und Reichtum' oder 'Arbeit und Reichtum' spricht? Bei ersterem wird alles auf ein pures Verteilproblem runter gebracht. Reichtum ist das, was der Armut abgeht; und Armut ist da, wo kein Reichtum ist. Das soll dann gerecht zugehen. Lauter Fassungen, über den Gegenstand zu reden, ihn auch in allen Facetten zur Kenntnis zu nehmen, aber sich zugleich der Erkenntnis zu verweigern: Dann muss es an dem liegen, wofür der Reichtum geschaffen wird. Dann liegt alles an dem Zweck der Arbeit. Wie vorhin gesagt: Wenn Arbeitslosigkeit als soziales Problem besprochen wird, steckt – als Rückschluss – schon drin, dass Arbeit-Haben quasi auf der Reichtumsseite ist. Dazu kann man bei Anne Will (o. Ä.) dann die Sendung 'Arm trotz Arbeit' ansehen. Die jenseitigsten Gerechtigkeitsfragen leben alle von der unterstellten Selbstverständlichkeit, dass Arbeit ein unbedingt gültiges Kriterium hat, ob sie verrichtet wird oder nicht. Das ist der ganze Widerspruch. Dazu muss man nicht viel sagen. Einerseits gibt es in dieser Gesellschaft ein verrücktes Bedürfnis, nämlich, den unbedingten Bedarf nach Arbeit, und zugleich gibt es ein unbedingtes Kriterium, wann Arbeit fällig ist und wann sie nie und nimmer stattfindet.
   — Auf S. 85 unten ist der Widerspruch aber anders formuliert: "Die Menschheit ist dem Zwang unterworfen zu arbeiten, weil Arbeit Wert schafft. Und wenn der Zirkus in Schwung kommt, kollidiert er mit dem Kriterium, dem Zwang, immer mehr Wert zu schaffen". Also ist der Widerspruch so ausgedrückt, zu sagen, Wert schaffen langt offenbar nicht. Es blamiert sich daran, dass es nicht dieses 'mehr Wert' ist.
Da wird aber eher so argumentiert: Wenn man das ernst nimmt, Arbeit soll Wert schaffen, dann hat man auch den Zweck. Und das als Zweck ernst genommen, hat man einerseits das maßlose Bedürfnis: immer mehr von jeder Arbeit, die Wert schafft, auf der anderen Seite: wenn Arbeit diesem Zweck nicht genügt, dann findet sie auch nicht statt.
Die Nachfrage nach dem Widerspruch ging in die Richtung: Dass Arbeit Wert schafft, kollidiert damit, dass sie nicht nur Wert schaffen, sondern mehr Wert schaffen soll. Aber: Das ist dieselbe Sache, kann man immanent sagen, dasselbe Kriterium: das Wertschaffen kann man quantitativ als Größe ausdrücken, aber es ist dasselbe Kriterium, wegen dem sie erfolgt und nicht erfolgt. Das ist etwas Anderes, als Wert und mehr Wert gegeneinander auszuspielen.
Jeder weiß, Arbeit muss rentabel sein. Das ernst genommen, ist das auch eine absolute Bedingung. Wenn Leute keine Arbeit haben, dann nur deswegen, weil diese Arbeit als nicht rentabel beurteilt ist. Mehr wird nicht gesagt. Die Rentabilität ist der Grund dafür, dass sie angewendet und dass sie nicht angewendet wird.
Dass einfach ein System mit sich in Widerspruch gerät, wäre doch egal. Der nächste Absatz sagt ausdrücklich, was auch im ersten drinsteckt: Wer hat es auszubaden? Der Zwang, für Geld zu arbeiten, ist auch, wenn es nicht rentabel ist, das Verbot zu arbeiten.
   — Der Widerspruch wird auf der nächsten Seite (S. 86, oben) genauer behandelt. "Tatsächlich scheint beides zugleich vorzuliegen: zu wenig (Arbeit), weil es beim Arbeiten doch um immer mehr Geld geht …, zu viel, weil es um immer mehr Geldvermehrung geht." Es ist nicht nur immer mehr Geld, also Arbeit angesagt, sondern da geht es um ein bestimmtes Verhältnis: immer mehr Geldvermehrung.
Das Argument: Geldvermehrung ist maßlos, kennt man. Von daher der Hinweis: mehr Geld heißt nicht einfach etwas mehr, sondern möglichst viel Geld soll sich vermehren. Dieser Standpunkt, möglichst viel Geld zu bekommen, kollidiert mit dem, dass man überhaupt arbeiten lässt, um Geld zu vermehren. Dann kommt eben auch raus, dass man nicht arbeiten lässt.
   — Die ökonomische Zielsetzung ist vorher schon genannt: Arbeit schafft Geld, dafür ist sie das Mittel. Wenn das der Zweck ist, muss das Kapital mehr Arbeit anwenden. In dieser ökonomischen Zielsetzung liegt ein Widerspruch. Auf der ersten Seite (S. 85) ist festgehalten, dass es offenkundig ist, dass das bloße Vermehren mit dem Anspruch, mehr zu werden, in Widerspruch gerät. Mehr Arbeit anzuwenden, gerät in Widerspruch, den Wert zu vermehren. Auf der zweiten Seite (S. 86 oben) ist erläutert: Deswegen findet man es nicht eigenartig, dass es Millionen Arbeitslose gibt und gleichzeitig Werke dichtgemacht werden. Da ist doch die ökonomische Zielsetzung noch etwas genauer bestimmt, dass es um mehr Geldvermehrung geht, dass es nicht einfach heißt, wird mehr Arbeit angewandt, dann wird es quantitativ mehr, sondern in einem bestimmten Verhältnis, also mehr Vermehrung im Verhältnis zu vorher. Da ist doch ein Maßstab, eine Rate angegeben.
   — Aber es reicht vollkommen zu sagen, es muss mehr Wert oder mehr Geld produziert werden. Natürlich macht das Kapital auch eine bestimmte (Rentabilitäts-)Rate zur Bedingung der Arbeitanwendung. Aber das ist doch im Zweck der Bereicherung schon enthalten.
   — Das Problem ist eher, ob man an der Stelle im Artikel das mit dem 'mehr' so behaupten kann; ob man da 'offenkundig' dazu sagen kann, oder ob das einfach (unabgeleitet) so dasteht.
Ihr versucht immer schon die ökonomische Erklärung hineinzubringen. Es geht aber nur von einem Prinzip aus, das jeder weiß: Arbeit muss rentabel sein, und aus dem gleichen Grund werden Leute entlassen, weil sie nicht mehr rentabel sind. Offensichtlich, heißt es da, ist in dem Maßstab Rentabilität nicht ein bestimmtes Verhältnis von Geldverdienen enthalten, sondern eben dieses Bestreben, möglichst viel zu bekommen. Und aus genau dem Grund wird dann auf den Einsatz von Arbeit verzichtet. Darauf wird hingewiesen.
Die Ansage heißt in der Regel eben nicht: ihr seid nicht rentabel, sondern ihr seid nicht rentabel genug. Da können Opel-Arbeiter (und andere) sich hinstellen und behaupten, mit ihnen wären immer Gewinne erwirtschaftet worden. Das nützt nur nichts, wenn man woanders mit Arbeit mehr Gewinn machen kann. Dass da nicht einfach nur irgendein Überschuss raus kommen muss, sondern dass der Überschuss selbst möglichst groß sein muss, ist mit eingekauft, ist im Preis mit drin, wenn Überschuss der Zweck ist. Das ist keine extra Absurdität, sondern gehört dazu. Und wenn man das abnickt, dann soll man sich über nichts mehr wundern; oder behaupten, die produzierten Opfer wären nicht die Folge davon, sondern ein soziales Problem.
Die Schwierigkeit oder der Fehler ist, schon im Vorwort ein ökonomisches Urteil hineinzulesen, das da nicht ausgedrückt ist, und das wird dann als geheimnisvolle Formulierung dieses Urteils interpretiert Das Vorwort geht vom allseits Bekannten aus, dass der Gesichtspunkt der Rentabilität sein muss, andererseits, dass gerade wegen Rentabilität Leute entlassen werden.  (nächstes Mal weiter)