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Den Feind kennen

Jour fixe vom 18.03.13 – Arbeit und Reichtum, III. 2.

Eine Frage zum Protokoll vom letzten JF.

   — Auf S. 5 unten heißt es: „Für jeden Kapitalisten wird es umso lohnender, je weniger er sich als Beiträger für und je mehr er sich als Abgreifer der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit betätigen kann.“ Klar ist, der Kapitalist reduziert die Kosten der Arbeitskraft, das v, und ist scharf auf die gesellschaftliche Zahlungsfähigkeit, von der er möglichst viel auf sich ziehen will. Mir kommt dieser Satz wie ein allgemeines Gesetz, wie eine Proportion vor: je weniger Beiträger, umso mehr Abgreifer und desto besser. Das fasst den Widerspruch in einer komischen Proportion.

   — Es ist einfach ein offensichtliches Fakt der Marktwirtschaft, dass der einzelne Kapitalist versucht, seine Kosten zu senken und möglichst viel auf dem Markt zu verkaufen.

Es heißt, dass die Kapitalisten nach allen Richtungen hin ihren Zusammenhang als einen einzigen Gegensatz betätigen, und der ist das Regulativ dessen, was hergestellt und wie die Arbeit in der Gesellschaft geteilt wird. So verrückt, irrational und gegensätzlich geht es zu.

*

Weiter geht es mit S. 47.

   — Die Kapitalisten steigern den Wirkungsgrad der Arbeit, indem sie den Produktionsprozess umgestalten, also rationalisieren. Die neue Maschinerie ermöglicht, mit einer gegebenen Anzahl von Arbeitern mehr herzustellen oder den früheren Output mit weniger Arbeitern (die zudem an diesen Maschinen intensiver und in niedrigeren Lohngruppen eingestuft arbeiten können). Das kostet aber. Das Kapital macht eine Aufwands-Ertragsrechnung; die Rationalisierung macht er dann, wenn die Kosten der neuen Maschinerie die bisher anfallenden Lohnkosten ausreichend unterschreiten. Dann ist es ein Gebot der Konkurrenz, diesen Vorschuss für die teureren Anlagen zu tätigen. Ob sich dieser rentiert, indem der Kapitalist mehr Marktanteile erobern kann, und wie lange dies anhält, steht dahin und erweist sich durch seinen Erfolg auf dem Markt. In dem Maß, wie die anderen Kapitalisten nachziehen, sich der niedrigere Marktpreis verallgemeinert, sinkt der anfangs erhöhte Gewinnanteil.

   — Man ist doch hier an dem Punkt, an dem das Kapital die Subsumtion der Produktivkraft der Arbeit ein- und in Bewegung setzt, um seinen Konkurrenzkampf um die Zahlungsfähigkeit des Marktes für sich auszunutzen. Unter dem Gesichtspunkt kommt hier der Arbeitsprozess, über den der Kapitalist verfügt und den er zweckgemäß gestaltet, als Konkurrenzmittel in Betracht. Die Produktivitätssteigerung seines Betriebs ist insofern ein Mittel im Konkurrenzkampf, als er unter Einsatz von Technik, sofern sie Ersatz von Arbeitskraft mit weniger Geldaufwand ermöglicht, einen neuen Preis als Maßstab setzen und über diesen den Absatz seiner Ware auf dem Markt vergrößern kann. So kann er seine Rendite verbessern.

Die Arbeit ist somit als Produktionsfaktor völlig ihrer Rolle als Kostenfaktor subsumiert. Dies kommt hier so zum Tragen, dass die Freiheit, über die Arbeit als Produktionsfaktor zu disponieren, darin besteht, sie so anzuwenden, dass sie als Kostenfaktor minimiert wird. Ausgerechnet die Erhöhung des Wirkungsgrads der Arbeit, ihrer Potenz, leichter und besser in weniger Zeit das Gleiche oder in gleicher Zeit mehr zu produzieren, hat ihren Zweck und also auch ihren Erfolgsmaßstab darin, dass die unmittelbaren Produzenten von diesem Nutzen ausgeschlossen sind. Sich deren Lebensunterhalt vom Hals zu schaffen, ist die Triebfeder dafür, die Produktivität ihrer Arbeit zu steigern.

   — Sie sind vom Nutzen des technischen Fortschritts nicht nur ausgeschlossen, sondern dieser richtet sich unmittelbar gegen sie. Durch ihn wird ein Teil der Beschäftigten außer Lohn und Brot gesetzt. Und ihre Zugriffsmacht auf die vermehrten Güter wird reduziert.

   — Die Arbeitskraft als Faktor in der kapitalistischen Rentabilitätsrechnung wird ins Verhältnis gesetzt zum Produktivitätsfortschritt. Wenn er nicht die Arbeit verbilligt, unterbleibt er.

Der Zweck der Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit orientiert sich überhaupt nicht daran, was die Arbeitenden davon haben, sondern es geht pur darum, die Arbeit als Kostenfaktor zu reduzieren. Dann ist erstens die Erhöhung der Arbeitsproduktivität eine alternative Methode zu dem, dass man sie anstrengender (und/oder billiger) innerhalb desselben Arbeitsprozesses arbeiten lässt; zweitens ist die Revolutionierung des Arbeitsprozesses nicht die Erleichterung der Arbeit, sondern die Modernisierung des Arbeitsprozesses wird als extra Hebel der Intensivierung eingeführt und der erste Effekt mit dem zweiten kombiniert. Beide werden ergänzt durch das Dritte, dass man ihnen nominal den Lohn senkt (Fußnote 15). Dies sind drei miteinander kombinierbare und füreinander nutzbar zu machende Varianten, die Arbeit zu verbilligen, die für das Kapital die Erhöhung seiner Produktivität bedeuten. Dass man wieder eine Fertigkeit aus der Arbeit heraus in eine Maschine hinein verlagert hat, ist erstens für sich eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität, bietet zweitens die Möglichkeit, die Intensität der Arbeit zu erhöhen, und mit der überflüssig gemachten Qualifizierung die Möglichkeit, die verbliebenen Lohnarbeiter etwas weiter unten einzugruppieren.

   — Diesen Dienst der Produktivitätssteigerung will und muss der Kapitalist haben. Er will ihn haben, weil es sein Mittel in der Konkurrenz ist. Dies steht zugleich im Gegensatz zu seinen Konkurrenten und setzt damit ein ‚Muss’, einen Sachzwang in die Welt. Für den Konkurrenten gilt, dass er diesen Rentabilitätsfortschritt bei sich selber herstellen muss, um so nach Möglichkeit dem anderen neue Maßstäbe der Rentabilität vorzusetzen. So bestreiten sie sich gegenseitig den Reichtum. Um in dieser Konkurrenz nicht zu verlieren, treiben sie so den Produktivitätsfortschritt voran. Es macht sich ihr Zweck zugleich als Sachzwang ihnen gegenüber geltend.

   — Das Ganze findet dauerhaft statt. Das Mittel zur Durchsetzung in der Konkurrenz besteht darin, dass sie den Preis durch Reduzierung des Kostpreises pro Ware herabsetzen. Ihr Zweck, den Gewinn zu steigern, ist damit ein Stück weit konterkariert, so dass ihr Ziel nur durch Kompensation über die Masse der verbilligten Produkte aufgeht. Das muss zu dieser Ideologie des Zwangs dazugesagt werden: in dem, was sie als Methode für ihren Zweck anwenden, steckt vom Resultat her ein neuer Stimulus. Wenn diese Methode überhaupt erfolgreich sein soll, ist eine Kompensation der Senkung der Profitrate über die Masse der Waren notwendig.

   — Über die Konkurrenz ergibt sich die Notwendigkeit des Zwecks, beständig den Produktivitätsvorsprung herzustellen. Produktivität ist nicht für sich der Zweck. Sie ist gleich wieder vorbei, wenn alle auf demselben Stand sind. Um diesen Vorsprung sicherzustellen, ist der Einsatz der Technik zum Zweck der Lohnkostenersparnis für sich unbegrenzt.

Der Kapitalist kompensiert keine Profitrate, die er für sich senken würde. Die Konkurrenz findet über möglichst gut kalkulierte Preise statt. Der Preis hat das Widersprüchliche, dass er einerseits der Zweck ist, auf den sich alles richtet, zugleich ist er das Konkurrenzmittel. Dabei geht es darum, die anderen möglichst zu unterbieten. Das steht im Widerspruch dazu, möglichst viel Überschuss über das Investierte zu erzielen. Die Lösung ist, intern das Verhältnis der aufgebrachten Kosten zum kalkulierten Preis zu senken. Dafür ist die Arbeitsproduktivität das Mittel, indem man den einen Kostenfaktor senkt und für sich selbst so die Schere öffnet, um sich dann den Spielraum ohne Einbuße an der Rate zu verschaffen. Darin liegt das Relative und auch Begrenzte dieser Strategie: Sie zielt auf den exklusiven Vorsprung. Sobald sich dies verallgemeinert, ist der Nutzen weg und dann bleibt unter dem Strich übrig, dass sich insgesamt die Masse des Vorschusses erhöht hat, und eben gar nicht die Rate. Dies stellt sich dadurch ein, dass es alle nachmachen.

Vorher wurde der Zwang zur Konkurrenz als Ideologie bezeichnet. Das Argument ist doch das der Unbedingtheit dieser Produktivkraftsteigerung, der realen Notwendigkeit, im Kampf um die Marktmacht der erste zu sein.

   — Die Ideologie steckt in dem Sie-können-nicht-anders. Der Ausgangspunkt der Konkurrenz ist ihr Wille, sich in dieser Weise durchzusetzen. Also von wegen: Sie müssten darauf reagieren. Andererseits: Wenn die einen diesen Vorsprung haben, es ist für die anderen Kapitalisten eine Notwendigkeit, darauf zu reagieren.

Was nützt der trostlose Nachweis, dass die Kapitalisten in der Konkurrenz gewinnen wollen und sich ihrem eigenen Interesse gegenüber wie einem gebieterischen Sachzwang stellen, dem sie gehorchen müssen. Das Argument hier heißt, sie wollen das, haben ihr Mittel dazu und zugleich ist es ein unbedingtes Erfordernis, dieses Mittel wegen der Konkurrenz, wegen des Zwecks, um den es ihnen geht, als erste einzusetzen. Da liegt keine Ideologie vor. Das Muss, dem sie gehorchen, ist der Dienst an ihrem Interesse.

Marktmacht gegen die Konkurrenten zu erobern, geht nur, so die Logik hier, mittels der Rationalisierung und Produktivitätssteigerung, ein gebieterisches Muss in dieser Konkurrenz: Der Erste zu sein, um nicht nachziehen zu müssen, weil, wenn jemand nachziehen muss, er schon (fast) verloren hat. Wenn schon ein Nachziehen notwendig wird, dann aber so, dass man noch besser wird als sein Vorreiter. Das ist ein Sachzwang, den er seines Erfolges wegen exekutiert. Deswegen ist es falsch, sein Interesse, das ihn treibt, in einem Gegensatz dazu zu denken. Er muss dann jegliches Rechnen erst einmal ein Stück beiseite lassen, denn ob seine Rationalisierungsmaßnahmen tatsächlich zu dem gewünschten Erfolg führen, stellt sich erst hinterher heraus. Das meint gebieterischer Zwang.

   — Der Zwang betrifft ja nicht nur 'Nachzügler', sondern gilt immer und für alle, die am Markt reüssieren müssen und wollen, darin liegt das Paradoxon, dass Kapitalproduktivität gleichermaßen allen als Gesetz vorgeschrieben ist und sich so gegen die Arbeit wendet.

Letzteres kommt auf der nächsten Seite. Hier richtet er sich erst einmal gegen die anderen Konkurrenten, jeder Produktivitätsfortschritt ist nur so viel und so lange etwas wert, wie er im Vergleich mit anderen besteht. Dieses Unding, dass im Kapitalismus die neuere Maschine die nur neue, die bessere die nur gute, blamiert, ist eine Notwendigkeit der Konkurrenz, weil da ausschließlich im Hinblick darauf, Konkurrenten Marktanteile abzuringen, Produktivitätsfortschritte hervorgebracht werden. Darin steckt zugleich die Verallgemeinerung von Produktivitätsfortschritten und die ist dasselbe wie die Negation des Nutzens, um den es geht. Diese Verrücktheit: Wenn alle besser und moderner produzieren, hat keiner mehr einen Nutzen. Es verschlechtern sich sogar die Bedingungen von allen.

   — Der Artikel sagt, es gibt zwei Lesarten des Widerspruchs. Die eine heißt: die Methode, mit der die Kapitalisten die Steigerung ihrer Rentabilität gegeneinander betreiben, widerspricht dem angestrebten Zweck. Das zweite: Das steht in einem widersprüchlichen Verhältnis zum Wachstum des Geldreichtums gesamtgesellschaftlich, insgesamt.

   — Die Kapitalisten treiben die Produktivität voran, dabei ist es ein notwendiges Gesetz ihrer Konkurrenz, dass Arbeit immer produktiver wird und sich die Produktivitätsfortschritte der Arbeit beständig verallgemeinern. Das steht im Widerspruch zur Quelle eines jeden kapitalistischen Unternehmens, nämlich der geldwertes Eigentum schaffenden Arbeit, die er in seinem Betrieb anwendet. Diese Arbeit wird gesamtgesellschaftlich gesehen durch die Konkurrenzanstrengungen beständig verringert. Also die eine Seite ist, dass der Produktivitätsfortschritt für jedes Unternehmen das Mittel ist, den geldwerten Reichtum, den die angewendete Arbeit bewirkt, zu steigern. Auf der anderen Seite bewirkt insgesamt der Konkurrenzkampf der Kapitalisten, dass die angewendete Arbeit aufgrund der immer wieder verallgemeinerten Produktivitätsfortschritte weniger geldwertes Eigentum produziert.

   — Wenn die Kapitalisten permanent den Preis senken, um möglichst viel zahlungsfähige Nachfrage an sich zu ziehen, dann senken sie damit den Ertrag an in Geld gemessener Verfügungsmacht. Daran kann man den Widerspruch genauso ausdrücken: Möglichst viel abgreifen geht über die Verbilligung der Produktion.

   — Der erste Bezugspunkt des Widerspruchs ist: Das Kapitalwachstum des einzelnen Kapitalisten, die Methode, wie er seinen Konkurrenzkampf betreibt, läuft darüber, dass die anderen das genauso tun. Der Widerspruch für den einzelnen Kapitalisten ist, dass das ein Sachgesetz der Konkurrenz ist, das sich verallgemeinert und damit dem Zweck des einzelnen Kapitalisten an eben dieser Rendite entgegen läuft.

Der einzelne Kapitalist hat für seine Rationalisierungen einen Mehraufwand und die einzelne Ware wird billiger. Dies muss sich dadurch rechtfertigen, dass sie davon möglichst mehr verkaufen. Der Witz kann nicht sein, dass jeder weniger Eigentum hat. Deswegen ist es problematisch zu sagen, die Gesellschaft ist ärmer geworden. Die Aussage ist als Relation zu denken. Das Verrückte ist: Auf die Arbeit bezogen, verbessern sie das Verhältnis von Aufwand und Ertrag, optimieren beständig, was ein Arbeitsaufwand an Produkt erzeugt. Im Ergebnis findet kapitalistisch gesehen das Gegenteil statt: Sie müssen immer mehr Aufwand erbringen, weil es gar nicht um Arbeitsaufwand, sondern Kapitalaufwand geht, um die dann im Endeffekt gar nicht gestiegene Rendite herbeizuhebeln. So wächst zwar gesamtgesellschaftlich auch das produzierte Eigentum, aber in einer immer schlechteren Relation zu dem, was es kapitalistisch an Aufwand bedeutet. Das macht ja den Widerspruch aus, dass es um nichts als dieses Verhältnis von Aufwand und Ertrag geht. Und in der Art, wie sie darum konkurrieren, unterminieren sie es für sich als Kapitalistengemeinde und damit für die Gesellschaft.

   — Die Gesellschaft wird, bezogen auf das, was im Kapitalismus als Reichtum gilt, ärmer. Das, was mit Arbeitschaffen an Geld verdient werden kann, wird tendenziell weniger. Gerade darüber, dass die Produktivkraftsteigerung das Mittel für jeden einzelnen Kapitalisten ist, sich immer mehr von dieser Sorte Arbeit an Land zu ziehen. Arbeitsproduktivität, die den Reichtum erweitert und seine Produktion erleichtert, bewirkt im Kapitalismus das Gegenteil. Was es da an gültigem Reichtum gesamtgesellschaftlich zu verdienen gibt, wird dadurch gerade beschränkt.

Ist nicht das, was unter dem Stichwort Produktivkraftentwicklung diskutiert wurde – die praktizierte Reduktion der Quelle, die kapitalistisch gesehen Wert schafft – die vollzogene Beschränkung? Alle Aufwendungen, die nur dazu dienen, möglichst viel rentable Arbeit aufzusaugen, bringen als zweite Seite die Reduktion dieser Arbeit als Quelle des Werts mit sich. Das ist das Paradoxon für sich. Die Seite der Gewinnkalkulation des Kapitalisten – dass der natürlich über billige Ware möglichst viel Umsatz machen muss und dann hat er den Gewinn, auf den es ihm ankommt – darf man nicht in Gegensatz dazu denken. Das Mittel steht in einen gewissen Widerspruch zum Zweck seiner Anwendung, konterkariert und unterläuft ihn.

   — Zu sagen, was sie da eigentlich als Mittel ihrer Akkumulation betätigen, ist der Sache nach die Vergrößerung und Erleichterung der Produktion von Reichtum, ist ein anderer, von außen angelegter Gesichtspunkt. Immanent ist es dieses Paradox: Ihr Mittel, für sich den Reichtum zu steigern, schmälert gesamtgesellschaftlich und im Ergebnis die Basis dessen, was es zu verdienen gibt.

   — Je produktiver die Arbeit, um so mehr gegenständlichen Reichtum in Form von Gebrauchswerten produziert sie. Aber Reichtum in Form von geldwertem Eigentum wird nicht größer, indem die Arbeit produktiver wird. Und weil sie im Dienste der Rentabilität als Kost zählt, wird sie reduziert, und dadurch wird weniger geldwerter Reichtum produziert.  

   — Logisch erscheint mir, dass man an jedem einzelnen Stück Ware feststellen kann: Das Verhältnis vom vorgeschossenen zum neu geschaffenen Wert wird immer ungünstiger, die Produktivkraftsteigerung bringt immer weniger neuen Wert. Für die Gesamtheit der Waren heißt das, dass immer mehr Vorschuss nötig ist, um den gleichen Wert neu zu schaffen. Aber kann man da die Aussage treffen: absolut nimmt die Masse der angewandten Arbeit ab?

   — Die Behauptung war, die Methode, wie dieser Zweck angepeilt wird, mehr geldwerten Reichtum herzustellen, ist zugleich eine Beschränkung dessen, was überhaupt als Reichtum zählt. Es ist eine Aussage über den Widerspruch des Zwecks, der da angepeilt wird, zu der Art und Weise, wie er verfolgt wird. Und das ist nicht richtig übersetzt, wenn man sagt, pro Ware immer weniger Wert und das dann zur Mehrproduktion ins Verhältnis setzt, ob die Masse den Wertverlust wettmacht. Das würde den Widerspruch eigentlich zurücknehmen.

Die Strategie beruht darauf, die Lohnstückkosten in der einzelnen Ware zu senken. Das bedeutet, dieses Produkt, in dem weniger Arbeit steckt, repräsentiert weniger Geldwert. Dass das überhaupt für den einzelnen Kapitalisten aufgehen kann, und nicht nur mal für den einen oder anderen, beruht darauf, dass sie mit den leichter, nämlich billiger herzustellenden Produkten, die ganze Gesellschaft überschwemmen. Um so ihre eigenen Ansprüche auf Zahlungsfähigkeit zu erhöhen, obwohl gesamtgesellschaftlich das Verhältnis von getriebenem Geldaufwand und erreichter Geldvermehrung tendenziell verschlechtert wird. Will das Kapital seine Rationalisierungen lohnend machen, hat es die Notwendigkeit, dass es um so mehr auf diese Zahlungsfähigkeit zugreifen muss, die es in der Lohn-Abteilung gerade senkt. Das ist ein allseitiger Widerspruch, und das ist etwas anderes als sich vorzustellen, dann wird jedes Jahr das an Wert geringer, was die Gesellschaft produziert.

   — Die für die Produktion des Reichtums nötige Arbeit wird beständig reduziert. Also repräsentiert dieser Reichtum auch beständig weniger geldwertes Eigentum. Das ist der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang zwischen der in allen kapitalistischen Betrieben aufgewandten Arbeit und dem, was es gesamtgesellschaftlich dann an geldwertem Eigentum für die Kapitalisten zu verdienen gibt.

Wenn man feststellt, es wird gar nicht weniger gearbeitet und was gesamtgesellschaftlich gearbeitet wird, was an Arbeitsaufwand den Leuten abverlangt wird, bleibt gleich und es kommt viel mehr Reichtum raus, wäre die korrekte Fassung zu sagen: Der immens gestiegene Warenwert repräsentiert nicht in dem gestiegenen Maße einen gestiegenen kapitalistisch gültigen Reichtum.

Die Deutschen haben es doch hinbekommen, in ihrer Konkurrenz gegen das Ausland dafür zu sorgen, dass das Weniger-Arbeiten außerhalb stattfindet. Intern hat die Nation (das ist der Inhalt des nationalen Erfolges) es geschafft, die Produktivität zu steigern ohne absolut die Masse derer, die noch angewendet werden, zu reduzieren, sogar mit Lohnsenkung, Hartz IV, Teil- und Zeitarbeit etc. am Ende die Masse der im Produktionsprozess Absorbierten zu steigern. Gesamtgesellschaftlich ist es die Frage, ob die produktiver gemachte Arbeit tatsächlich in dem Maße, wie sie produktiver gemacht ist, auch nicht mehr angewendet wird, oder ob sie, gerade weil sie produktiver ist, vermehrt angewandt wird. Das kommt darauf an. Jedenfalls hat sich das entscheidende Verhältnis im Einzelnen wie im Ganzen in Widerspruch zu dem verändert, was eigentlich der ganze Zweck der Affäre war.

   — Genau das ist der Stachel, sich immer neue Sphären der Bereicherung zu erschließen. Die Konsequenz, die die Kapitalisten ziehen, ist in der Hinsicht vorwärts gewandt. Das heißt hinsichtlich der Arbeit, sie muss sich um so mehr als ihr Mittel in der Konkurrenz gegen andere bewähren, hinsichtlich des Reichtums, es gilt um so mehr kapitalistischen Reichtum in allen Abteilungen an Land zu ziehen.

Also immer dann, wenn dieses Verfahren an seine Grenzen stößt, von neuem mit ihm anzufangen. Das sind dieselben Argumente, die man vorhin mit dem gebieterischen Zwang der Konkurrenz hatte. Wenn der Widerspruch für den Unternehmer bemerkbar wird, treibt er ihn auf höherer Stufenleiter weiter.

*

Gegenstand im Abschnitt II war bereits: Das Kapital bemächtigt sich der Produktivkraft der Arbeit als Eigentum des Kapitals. Deswegen gehört der Gewinn und das Produkt nicht dem unmittelbaren Produzenten, sondern das Kapital gilt als Produzent, weil es sich mit seiner Verfügung über die Arbeitskraft die Arbeit eingekauft hat. Die ist in seinen Produktionsprozess eingebaut; rechtlich gesehen ist das Eigentumsverhältnis zwischen Produzent und Produkt auf das Unternehmen übergegangen. Das ist die Voraussetzung, die unterstellte Macht, von der das Kapital hier Gebrauch macht: Es benutzt diese Hoheit, um sich in der Subsumtion der Arbeit praktisch völlig von dieser zu emanzipieren.

   — Es geht also darum, was aus dem Charakteristikum der Eigentum bildenden Arbeit – der Mensch stellt mit seinen Kräften und Fähigkeiten etwas her – in dieser Subsumtion wird: diese Fähigkeiten stehen ihm in der Maschinerie gegenüber und er wird degradiert auf ein pures Anhängsel des Produktionsprozesses.

   — Und die Maschinerie, die zu nichts anderem da ist als bezahlte Arbeit einzusparen, schafft es, den Charakter der Arbeit (und das ist das Rätsel) zu verwandeln und sie auf das gerade Genannte zu reduzieren.

Und dann ist dieser Zusammenhang auch mal aufgelöst. Wenn es seit mehr als 100 Jahren die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Produktivitätsfortschritts gibt, dann ist der Reichtum nicht mehr die direkte Widerspiegelung dessen, was an Arbeit verrichtet worden ist, dann gibt es das früher notwendige Verhältnis – wenn die Gesellschaft doppelt so viel verbrauchen will, dann muss sie doppelt so viel arbeiten – nicht mehr. Es gibt Produktionsmittel, die leisten, dass der Arbeiter nur noch auf den Produktionsprozess aufpassen muss. Die (hiesige) gesellschaftliche Produktion ist emanzipiert von dem, was an menschlicher Tätigkeit dafür nötig ist, um sie materiell zu reproduzieren, und gleichzeitig ist der Reichtum absolut auf diese menschliche Aufwandsseite – Arbeit als Maß des Reichtums – borniert. Wo sachlich dieser Zusammenhang aufgelöst ist, ist die Gesellschaft ökonomisch auf diesen so festgelegt, als ob es noch um den frühkapitalistischen Austausch von Arbeitsprodukten ginge.

Von wegen also: Einsparung von Arbeit (so argumentiert ja auch der Text)! Es ist Übergang aller Potenzen der Arbeit in die Maschinerie. Die Arbeit, die stattfindet, ist degradiert und wird infolgedessen exzessiv ausgenützt. Die Einsparung der Arbeit im Kapitalismus geht einher mit ihrer Formänderung.

   — Es wird nicht Arbeit eingespart, sondern bezahlte Arbeit. Das Regime der Rentabilität gebietet Einsparung von Arbeitskosten, das geht einher mit der Vermehrung der Kosten für die Produktionsmittel und so wird die Rentabilität des Kapitals letztendlich nicht gesteigert. Es wird das Verhältnis von Reichtum schaffender Arbeit nach beiden Seiten hin, nach dem gegenständlichen wie nach dem geldwerten Reichtum, auf den Kopf gestellt. Der gegenständliche Reichtum ist nicht mehr abhängig von dem Quantum und dem Geschick der Arbeit, die geleistet wird. Davon hat sich der Kapitalist emanzipiert: Die Produktionsfortschritte und die Organisation der Arbeit sind das wesentliche Element bei der Schaffung von gegenständlichem Reichtum. Während er aber die gegenständliche Arbeit immer weiter überflüssig macht, hängt er nach wie vor borniert daran, dass nur das, was durch das tätige Rechtsubjekt an Arbeit geleistet wird, als Geld-werter Reichtum zählt, obwohl die Arbeit den Produktionsmitteln und dem Kapital subsumiert ist.

Dazu muss man sagen: Man kann eine Arbeit nicht produktiver machen, ohne ihre Form zu verändern, es geht also darum: Mit welcher Formveränderung geht im Kapitalismus Rationalisierung einher?

   — Wenn man die bezahlte Arbeit verbilligt, durch Maschinerie verringert, dann trennt man die Arbeit von ihrer Produktivkraft: Sie ist in der Maschinerie. Das ist die Formveränderung

Und das ist auch nicht schlimm, sondern erstmal der Witz an produktiverer Maschinerie, z.B. einer guten Bohrmaschine, dass meine Fertigkeit verobjektiviert in ihr drin steckt. Es muss noch das Argument dazu kommen: Und wozu wird das gemacht? Mit welchem Resultat für die Arbeit? Nämlich dem, dass die vereinfachte Arbeit, die dann noch stattfindet, im Produktionsprozess unter dem Regime des Kapitals unmittelbar als abstrakte und deswegen umso exzessiver zu benutzende fungiert. Der Inhaber der Verfügungsmacht über die Arbeit setzt die Trennung der Arbeit von ihren eigenen geistigen Potenzen ins Werk

   — Die Abteilung ist doch erledigt, dass Kostensenkung durch Produktionsfortschritt angestrebt wird, dass die Arbeit dadurch nicht leichter und kürzer, dafür aber intensiver wird – genauso findet Lohnstückkostensenkung statt. Das nächste Argument war: Es geht hier um Arbeit und Reichtum und da ist ein Vergleich gemacht worden: das, was vom Standpunkt des materiellen Reichtums eine gute Sache wäre, ist hier kontraproduktiv: ein Produkt, in dem weniger Arbeit steckt, ist weniger wert. Dieser Gedanke anders ausgedrückt ist eine Auskunft über die verrückte Weise, wie es in dieser Gesellschaft auf Reichtum ankommt: eine materielle Versorgung der Gesellschaft wäre bei dem Produktivitätsfortschritt leicht zu haben, aber der Zusammenhang, dass viel Arbeit viel Reichtum produziert, von dem die Gesellschaft leben kann, ist praktisch obsolet gemacht. Die andere Seite davon ist, dass hierzulande nach wie vor nur das als Reichtum gilt, wo lang und viel rangeklotzt worden ist, also Ausbeutung stattgefunden hat.

Der Widerspruch ist also: Der ganze Reichtum besteht darin, dass er Produkt von Arbeit ist, die die einen anwenden und die anderen ableisten; in der Konkurrenz um eben diesen Reichtum wird genau das: dass Reichtum-Produzieren dasselbe ist wie menschliche Arbeitstätigkeit, immer weiter auseinander gerissen. Dass Arbeit Notwendigkeit ist und deswegen ihre Ableistung das Maß des Reichtums vorgibt, wird immer weiter aufgelöst, obsolet gemacht, und zwar unter Beibehaltung des Prinzips, das vom Gegenteil ausgeht.

 

Ein Produktiver-Machen der Arbeit ist keine kapitalistische Eigenart: Bei einer neuen Maschinerie ist der Inhalt der Arbeit verändert worden, dann geht Muskelkraft, Geschick oder Aufmerksamkeit vom arbeitenden Subjekt auf das Arbeitsgerät über – das ist immer der Fall und hier ist die ganze Frage das Wofür? An dem hängt nämlich, ob das der Arbeit gut tut, ob einer vielleicht weniger arbeiten muss, ob Anhängsel der Maschinerie zu sein nur heißt: man muss ihre Notwendigkeiten befolgen (das muss man auch bei der eigenen Spülmaschine). Das Anhängsel einer Maschine zu sein ist also keine Gemeinheit von ihr gegenüber der Arbeit, sondern das liegt daran, dass sie eine Maschine des Kapitalisten ist, der den Arbeitsprozess mit all seinen Notwendigkeiten so einrichtet, dass dann die Arbeit nichts zu lachen hat: wie sie aussieht, wie lange sie dauert oder ob man sie überhaupt verrichten darf. (Es gibt ja auch eine blöde Kritik des Anhängsel-Daseins: der Mensch sei da nicht mehr schöpferischer Gestalter, die Arbeit sei dann sinnentleert, wenn man nur hinschauen, diese kontrollieren müsse etc.).

   — ‚Trennung von ihren eigenen Produktivkräften’ ist doch kritisch gemeint? Das ist zum einen ein Hinweis darauf, wie die konkrete Arbeit - auf ihre abstrakte Funktion reduziert - als Ausbeutung gestaltet ist. Ist es nicht auch ein Hinweis darauf: die Arbeit ist von ihren geistigen Potenzen getrennt?

Diese treten ihr dann gegenüber. Die eigene Arbeit wird produktiver gemacht, und zwar von demjenigen, der über diese Arbeitskraft genauso verfügt wie über die Instrumente, mit denen er die Arbeit drangsaliert. Das ist der Inhalt von ‚Trennung’: Die gesamten Potenzen der Arbeit sind das Eigentum des Kapitals und als dieses treten sie der Arbeit gegenüber und das bekommt ihr nicht gut. Die Subsumtion allen Wissens unter diese gesellschaftliche Zweckbestimmung des Eigentums ist der selbstverständliche Ausgangspunkt hierzulande. Wissen ist Instrument – es ist dazu da, um als Mittel der kapitalistischen Nutzbarmachung von Arbeit gebraucht zu werden; deshalb „tritt die Potenz der Arbeit (also geistige Potenzen, Wissen, das sich übersetzt in Technologie, die eigentlich Arbeit überflüssig macht) den Arbeitern selber als feindliche Macht gegenüber“, und zwar als Anforderung, als Nötigung, sogar als Erpressung.

Um diese grundlegende Bedeutung von Trennung ging es auch im Abschnitt II: Alles, was nötig ist, um arbeiten zu können, ist fremdes Eigentum, also kann einer nur arbeiten, wenn er sich zu den Bedingungen und zum Nutzen des ihm gegenübertretenden Eigentümers an den Potenzen der Arbeit nützlich macht. Das ist das Prinzip und im Kapitalismus gilt dann der Eigentümer der Ware, mit der er auf den Markt geht, als deren Produzent. Das geht darüber, dass das Kapital den Arbeitern die Verfügung (nicht über die Produkte, sondern) über die Arbeit abkauft.

Einmal das Beispiel einer hypermodernen Autoproduktionsstraße genommen, in der die naturwissenschaftlichen und technologischen Kenntnisse einer Gesellschaft vergegenständlicht sind. Die Produktion läuft vollautomatisch und daneben steht ein Arbeiter und kontrolliert das Ganze – das ist die Lage, vor der man jetzt steht: Das gesamte gesellschaftliche Wissen ist perfekt verwandelt zum Instrument des Kapitals. Die klassische Rechnungsart: die Arbeit des privaten Produzenten ist die einzige Quelle, die Wert schafft, und die Rechtsperson ist deswegen der Urheber des Werts, den sie fabriziert, existiert so nicht mehr – dieses Verhältnis ist praktisch obsolet.

   — Das ist dann die durchgesetzte Zurechenbarkeit: die Kapitalisten sind die Produzenten – so heißen sie ja auch offiziell – mit Verfügungsmacht über das Wissen der ganzen Gesellschaft. Und dass ein Ding überhaupt als Produkt von Arbeit Wert darstellt, geht von eben dieser Zurechenbarkeit aus, die aber zugleich bestritten wird.

Es geht hier um gnadenlose Produktivkraftsteigerung als Technik der Konkurrenz – dafür spannt das Kapital das gesamte gesellschaftliche Wissen ein und subsumiert darunter die Arbeit als Kostenfaktor. Eigentlich ist damit ein Fundament praktisch ausgehebelt, aber umso gnadenloser beharrt das Kapital auf der Kategorie des Werts. Es gibt ein gigantisches Missverhältnis – qualitativ und quantitativ – zwischen der Arbeit und dem stofflichen Reichtum, den sie zustande kriegt, und das bedeutet: Diese zunehmend klaffende Lücke wird sich – um auf den Widerspruch zurückzukommen – schon auch gegen die Arbeit geltend machen ...